Zerbrechliche Schönheit
Studenten lernen die Restaurierung von Glasfenstern – Weltweit einzigartiger Studiengang in Erfurt und Belgien
Simone Schmidts Puzzle ist alles andere als vollständig. Es fehlen Teile, viele Teile. Doch die 28-jährige Frau lässt sich nicht frustrieren. Vorsichtig putzt sie jedes einzelne Stück und sortiert es nach seiner Farbe ein: rot, grün, violett, blau.
Die Scherben eines Glasfensters aus dem 13. Jahrhundert wird sie nicht vollständig zusammensetzen können, aber sie wird sich ein Bild davon machen, wie es ausgesehen hat – ihre Diplomarbeit im Fach Konservierung und Restaurierung von Glasmalerei und Mosaik. Dieser Studiengang wird weltweit nur an der Fachhochschule Erfurt und der königlichen Akademie im belgischen Antwerpen angeboten.
Mehr als 3200 bis Handteller große Glasscherben hat sie in den Schubladen der Hochschul-Werkstatt gelagert, hinzu kommen ebenso viele Splitter, meist kleiner als ein Fingernagel. Sie stammen aus einer Grabung vor 30 Jahren beim Kloster Brunshausen in Niedersachsen und warten seitdem auf einen geduldigen Geist.
Während der Projektwochen des Fachbereichs sind alle drei Tische in der kleinen Werkstatt besetzt. Gleich neben dem Eingang beugen sich zwei fortgeschrittene Semester über zwei Glasfelder des 13. Jahrhunderts aus dem Leipziger Grassi-Museum. Neben sich Mikroskop, Lupe und Papier. Fläche für Fläche inspizieren sie die wertvollen Stücke und notieren die Ergebnisse: die Maße, die Art des Glases und der Farbe, Verschmutzungen, Risse.
In der Ecke rätselt eine junge Frau über den zersprungenen Scheiben eines Fensters aus dem 19. Jahrhundert. "Wahrscheinlich werden wir das Stückchen für Stückchen zusammenfügen," sagt Professor Sebastian Strobl. Der schmale Mann mit dem graublondem Haar und den klaren blauen Augen hat geschafft, wovon seine Studenten träumen: Anfang der 90er Jahre wurde er zum Chefrestaurator der Kathedrale von Canterbury berufen.
Dort kümmerte er sich um den Bilderzyklus aus dem 12. Jahrhundert und führte die Glaswerkstatt mit sieben Restauratoren, die zudem beschädigte Kirchenfenster aus ganz England bearbeiteten.
Auch heute noch berät er seine früheren Kollegen. Daneben ist sein Sachverstand gefragt bei den Kathedralen im italienischen Siena und im spanischen León.
"Ein aus konservatorischer Sicht fast jungfräulicher Bestand des 13. bis 16. Jahrhunderts", schwärmt er. "Der Traum für jeden Restaurator – aber zu weit ab vom Schuss für eine Familie mit drei Kindern." Zudem greift das Metropolitan-Museum in New York immer wieder auf sein Fachwissen zurück. Dennoch hat sich der 48-Jährige vor einem Jahr für die Professur in Erfurt entschieden. Hier kann er der kommenden Generation seinen Stempel aufdrücken. "Wir sind eine kleine Gemeinschaft."
Pro Semester betreut Strobl neben dem allgemeinen Unterricht drei oder vier Fach-Studenten. Er selbst hat sein Fach nicht studiert – diese Möglichkeit gibt es nämlich sowohl in Erfurt wie auch in Antwerpen erst seit etwa zehn Jahren. "Ein Zeichen für die wachsende Professionalisierung in diesem Bereich – die fachgerechte Restaurierung der Glasfenster war lange Zeit ein Stiefkind", erklärt Strobl. Früher haben Glasereien die Reparaturen übernommen – oft mehr schlecht als recht.
Er selbst hat so gut wie keine Zeit mehr, Hand anzulegen. Aber er vermisst es. Zum Beweis zieht er ein Tuch von einer Staffelei. Darunter kommt ein gläserner Engel zum Vorschein – etwas verschmutzt, und an einigen Stellen klaffen Löcher zwischen dem Blei.
"Das stammt aus einer englischen Kirche der Royal Air Force aus dem 19. Jahrhundert, die aufgegeben wurde", erzählt der Professor. "Die Felder wurden sehr unsachgemäß ausgebaut und sollten weggeschmissen werden." Mehrere Kisten davon wurden in Canterbury abgestellt, zwei Fenster hat sich Strobl als Dauerleihgabe mitgebracht.
Etwa zwei Monate konzentrierter Arbeit rechnet er für die Restaurierung: Blei teilweise entfernen, Gläser ausbauen, säubern, kleben, Glas ergänzen und bemalen, zusammensetzen im erneuerten Bleinetz. "Da sich das Muster in den kaputten Gläsern aus dem übrigen Bestand ablesen lässt, kann ich sie nachempfinden und so rekonstruieren", sagt der Experte. Andernfalls müsste er darauf verzichten. dpa
