Viele Betriebe bieten mehr Lehrstellen
Doppelter Abitur-Jahrgang, Aussetzung der Wehrpflicht – 2011 wird‘s eng auf dem Lehrstellenmarkt. Doch viele Unternehmen bieten zusätzliche Lehrstellen an. Die Kammern machen Bewerbern Mut.
Der doppelte Abiturjahrgang bereitet Roland Neugebauer keine Sorgen. "Bis Januar 2011 konnte bereits ein Zuwachs von sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr bei den neuen Ausbildungsverträgen erreicht werden", sagt der Leiter der Berufsbildungsabteilung der Industrie- und Handelskammer Braunschweig. Er ist zuversichtlich, dass die Zahl der Lehrstellen dieses Jahr im Vergleich zum Vorjahr steigen wird.
Dabei verzeichnete die Kammer bereits 2010 einen kräftigen Zuwachs an Ausbildungsplätzen. 4,6 Prozent betrug das Plus, die größten Zuwächse verzeichneten Elektro-Berufe (plus 56 Neuverträge), Lagerlogistiker (plus 43) und Büroberufe (plus 36).
Auch die für unsere Region zuständige Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade meldet für das vergangene Jahr ein sattes Plus an Lehrverträgen. "Es wurden in der Region 2186 Lehrverträge abgeschlossen, 56 mehr als im Jahr zuvor", sagt Otto Schlieckmann, Hauptgeschäftsführer der Kammer.
Dass der doppelte Abiturjahrgang zu einem Ansturm führt, der manche zu kurz kommen lässt, befürchtet Schlieckmann nicht. Im Gegenteil: "In der Vergangenheit war es sogar oft so, dass freie Lehrstellen nicht besetzt werden konnten. Vielleicht wird dieses Problem sogar gemildert, wenn mehr qualifizierte Bewerber eine Ausbildung suchen."
Schlieckmanns Argumente für eine Ausbildung im Handwerk: "Die Jobs sind sicher, krisenfest und regional verankert." Das Vorurteil, dass es sich bei Handwerksberufen um nicht besonders anspruchsvolle Tätigkeiten handelt, gelte längst nicht mehr: "Im Handwerk ist die Elektronik angekommen. Im KFZ- und Elektrohandwerk geht kaum noch etwas ohne Computer-Kenntnisse."
Sogar duale Studiengänge gebe es – so nennt sich die Kopplung einer Lehre im Handwerk mit einem Hochschulstudium. An der Ostfalia-Hochschule etwa werden die dualen Studiengänge "Technische Gebäudeausrüstung" und "Energie- und Gebäudetechnik" angeboten. Wer sich dort einen Platz sichert, arbeitet praktisch im Ausbildungsbetrieb und beschäftigt sich in der Fakultät Versorgungstechnik der Ostfalia mit der Theorie.
Die beliebtesten Ausbildungsberufe im Handwerk? Schlieckmann: "Bei männlichen Bewerbern steht das KFZ-Gewerbe an der Spitze, bei den weiblichen das Friseur-Handwerk." Und bei der IHK? "Medien- und IT-Berufe sind sehr gefragt", sagt Roland Neugebauer. Allerdings machten sie nicht die große Masse der Ausbildungsplätze aus. "Die meisten Lehrstellen gibt es für Industrie-Kaufleute und Kaufleute für Bürokommunikation."
Auch Neugebauer macht Bewerbern Mut: "Viele Ausbildungsbetriebe haben signalisiert, dass sie das Angebot an Ausbildungsplätzen und dualen Studienmöglichkeiten im Unternehmen für Abiturienten ausweiten werden." Einen Verdrängungswettbewerb zu Lasten der Haupt- und Realschüler befürchtet Neugebauer nicht. Die Hälfte aller Abiturienten konzentriere sich ohnehin auf zehn Ausbildungsberufe, darunter zum Beispiel Bankkaufmann oder Industriekaufmann.
Zudem nehme die Zahl der Haupt- und Realschüler bereits ab. "Es ist eher so, dass der doppelte Abiturjahrgang hier sogar eine Lücke füllen kann, bevor es durch die demografische Entwicklung schwieriger wird, Ausbildungsplätze zu besetzen", betont Neugebauer.
Beide Kammern empfehlen übrigens: Ein nicht optimales Zeugnis können Bewerber mitunter wettmachen, indem sie Firmen über ein Praktikum von sich überzeugen.
