Traumberuf: Bestatter
Braunschweig Als ihre Oma starb, fand Nicole Remfort es unmöglich, wie der Bestatter arbeitete. Heute ist sie eine von knapp 500 Bestatter-Azubis in Deutschland.
Für ihren Traumberuf hat Nicole Remfort viel geopfert. Ihre leitende Position im Einzelhandel - und die Beziehung zu ihrem Freund. „Ich wollte unbedingt Bestatterin werden“, sagt die heute 28-Jährige aus Essen. Ihr damaliger Freund hielt das für keine gute Idee und stellte die junge Frau vor die Wahl: er oder der Beruf. Remfort hat ihre Entscheidung bis heute nicht bereut: „Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen.“
Nicole Remfort ist keine verschrobene Einzelgängerin. Knapp 500 Frauen und Männer machen zurzeit in Deutschland eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Der Lehrberuf ist noch jung, erst im Jahr 2003 wurde er nach jahrelanger Überzeugungsarbeit des Bundesverbandes Deutscher Bestatter geschaffen. Nur rund ein Drittel der Azubis stammt aus Bestatterfamilien - der Beruf hat demzufolge auch eine gewisse Anziehungskraft auf Außenstehende.
So wie auf Katharina Klucken. Sie ist bereits im dritten Lehrjahr und bereitet sich mit ihren Mitschülern auf die Abschlussprüfung vor. „Ich habe schon früher in Poesiealben bei Berufswunsch immer ’Bestatterin‘ angegeben“, erzählt sie. Eltern und Freunde fanden ihre Berufswahl „nie sonderbar“, nur Fremde seien zunächst überrascht, aber immer neugierig: „Man ist sofort Mittelpunkt jeder Party, wenn die Sprache auf den Beruf kommt.“
Die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft ist dual angelegt - sie findet in den Betrieben und den Berufsschulen statt. Bundesweit gibt es nur drei Berufsschulen für Bestattungsfachkräfte, in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Zudem kommen alle Azubis während ihrer Ausbildung für mehrere Lehrgänge in das 2005 eröffnete Ausbildungszentrum ins unterfränkische Münnerstadt.
Die bundesweit einheitliche Ausbildung sei wichtig, sagt die Leiterin des Ausbildungszentrums, Rosina Eckert, „um fachkundiges Personal zu gewährleisten“. Bestatter darf sich jeder nennen - ob er das Handwerk gelernt hat oder nicht. Deshalb hat der Bundesverband ein Markenzeichen eingeführt, ein stilisiertes gotisches Fenster, das nur die Betriebe erhalten, in denen qualifiziertes Personal arbeitet.
Nicole Remfort hat genau dieses qualifizierte Personal vermisst, als der Freund ihrer Schwester und ihre Großmutter starben. „Das war von vorne bis hinten nur unmöglich, wie die Bestatter gearbeitet haben“, erinnert sie sich. Da sei in ihr der Wunsch gereift, es besser zu machen: „Ich habe etwa 50 Bewerbungen verschickt.“ Die blieben vorerst erfolglos - denn die Ausbildung zum Bestatter ist begehrt. Doch die junge Frau blieb hartnäckig und bekam schließlich eine Lehrstelle.
Wer Bestatter werden will, muss vielseitig sein. Neben unzähligen Behördengängen ist vor allem Einfühlungsvermögen gefragt. Zur hygienischen Versorgung der Verstorbenen braucht man außerdem medizinisches Wissen, es müssen Kirchen dekoriert und Trauergespräche geführt werden. Handwerkliches Geschick ist ebenfalls von Vorteil, denn in einigen Bundesländern heben Bestatter auch selbst die Gräber aus.
In Nordrhein-Westfalen übernehmen das die Friedhofsverwaltungen. Zur Ausbildung gehöre es aber trotzdem für alle, sagt Dozent und Bestatter Stefan Rommel: „Nach der Lehre soll man schließlich überall arbeiten können.“ Deshalb sitzt Nicole Remfort zum ersten Mal auf einem Bagger. Geübt wird freilich nicht zwischen richtigen Gräbern, sondern auf dem Lehrfriedhof des Ausbildungszentrums.
Vorsichtig bewegt die 28-Jährige die Baggerschaufel vor und zurück, langsam tastet sie sich an das schwere Gerät heran. „Frauen können mit den Maschinen meistens besser umgehen“, sagt Dozent Peter Popella, „die Männer machen es allerdings lieber.“ Auch Nicole Remfort schlägt sich wacker - trotzdem arbeite sie „lieber mit Menschen“, sagt sie. Berührungsängste mit Toten habe sie nicht.
Das wäre bei ihrer Berufswahl auch nicht denkbar - obwohl die tatsächliche Arbeit an Verstorbenen nur einen Bruchteil der Arbeitszeit ausfüllt. Bestatter Heiko Mächerle vermittelt den Azubis das Fach „Hygienische Versorgung“: Sie lernen, Tote richtig zu waschen und zu schminken, Herzschrittmacher zu entfernen oder Unfallopfer ästhetisch wiederherzustellen.
Das alles ist nichts für schwache Nerven oder sanfte Gemüter. Zudem hat man als Bestatter keine festen Arbeitszeiten. Gestorben wird immer, auch nachts - und dann muss eben auch der Bestatter kommen. „Mir macht die Arbeit gerade deshalb Spaß, weil sie vielseitig und fordernd ist“, sagt Azubi Simone Wösting: „Deshalb ist es eine Beleidigung, wenn einer sagt: ’Irgendjemand muss es ja machen.‘ Irgendjemand kann das aber nicht.“ epd
