Neue Uni-Disziplin: Tanzwissenschaft
Bundesweit einmaliger Studiengang in Hamburg – Bald auch an der Freien Universität Berlin möglich
Ein Knäuel von Körpern auf dem Boden des neuen Tanzstudios an der Universität Hamburg, Gelächter, wilde Sprünge und lebhafte Dialoge in einer Fantasiesprache: Die Improvisationsstunde des Studiengangs "Performance Studies" ist in vollem Gange.
Und Andree Wenzel ist in seinem Element. "Ich würde mir sogar noch mehr Praxis wünschen, aber insgesamt finde ich den Studiengang gelungen", sagt der 43-jährige Artist, der einmal Choreograf werden will. Seit knapp zwei Semestern gehört er zu den sechs Studierenden, die bei der Geburtsstunde einer in Deutschland neuen universitären Disziplin dabei sein können: Die Tanzwissenschaft erobert sich ihren Platz in der Hochschullandschaft.
Im Gegensatz zu anderen Ländern war die Wissenschaft vom Tanz an deutschen Universitäten bislang nicht etabliert. Pionierarbeit auf diesem Gebiet leisten vor allem zwei Frauen: Prof. Gabriele Klein, die den seit einem Jahr laufenden Master-Studiengang "Performance Studies" in Hamburg konzipiert, und Prof. Gabriele Brandstetter, die zum Wintersemester 2007/08 einen Master-Studiengang Tanzwissenschaft an der FU Berlin vorbereitet.
Mit innovativen Ideen, Schwung und einer großen Portion Unternehmungsgeist entwickeln sie die Basis für ein junges akademisches Fach, das interdisziplinär Sozial- und Kulturwissenschaft, Medien- und Kunstwissenschaften vereint zu einer theoretischen und praktischen Bewegungsforschung.
"Wichtig ist mir vor allem die gleichwertige Verbindung von Theorie und Praxis", sagt Klein. Die Professorin für Soziologie der Bewegung und ehemalige Tänzerin strebt eine Vernetzung mit anderen Tanzinstitutionen und der künstlerischen Szene an.
In dem bundesweit einmaligen Studiengang erlernen die Studenten Dramaturgie, Theater-, Tanz- und Bewegungspädagogik, Kulturmanagement und die historischen und ästhetischen Grundlagen der szenischen Künste. Gastdozenten bieten Workshops an, und freie Performancegruppen erarbeiten mit den Studenten Projekte. "Außerdem gibt es Kooperationen mit dem Hamburger Fundustheater und dem künftigen Choreografischen Zentrum, das zurzeit mit Mitteln des Tanzplans Deuschland in der Kampnagelfabrik entsteht", sagt Klein, die über Populartanz und Jugendkultur forscht.
Wer den Master of Arts-Titel in "Performance Studies" in Hamburg erwerben will, muss bereits ein Hochschulstudium oder eine fachnahe Ausbildung abgeschlossen haben und außerdem eine Aufnahmeprüfung bestehen.
"Der Leistungsdruck ist schon hoch", meint die 25-jährige Stephanie Auth, die es geschafft hat. Aber sie will das viersemestrige Studium auf jeden Fall durchziehen, um später einmal Projektarbeit zu machen. "In Südafrika habe ich mit Jugendlichen im Gefängnis künstlerisch gearbeitet und gemerkt, wie viel Kraft das den Menschen gibt." Die Berufsperspektiven für die maximal 15 Studierenden pro Semester sind groß. "Das Studium qualifiziert für Tätigkeiten in der künstlerischen Praxis, in der Bildungs- und Kulturarbeit, in der Vorschulerziehung, Seniorenarbeit und Rehabilitation", sagt Klein.
Brandstetter will in Berlin auch aktuelle psychologische, physiologische und neurologische Studien für Choreografen nutzbar machen. "Das Wissen vom Körper wird zur Zeit hoch gehandelt. In der Neurobiologie wird die Bedeutung der Intuition für Erkenntnisvorgänge untersucht. Das gibt auch der Tanzwissenschaft Impulse", sagt die Trägerin des renommierten Leibnizpreises.
Die Professorin hat bereits 2005 an der FU das Tanzlabor gegründet. Dort soll das Verhältnis von Körper und Maschine, Bewegung und Medien experimentell mit Computertechnik erforscht werden. Für Brandstetter ist Tanzwissenschaft im weitesten Sinne eine Art Körperforschung – die Gefahr einer zu großen Verkopfung sei daher gering: "Durch die geplante enge Vernetzung mit der Tanzszene und Projekte an verschiedenen Orten der Stadt streben wir den Auszug der Uni aus der Uni an." dpa
