Die ersten Züge sind nicht leicht

Königslutter  Eine ganz besondere Gruppe trifft sich jeden Montag im Hallenbad Königslutter: erwachsene Nichtschwimmer.

Hans-Georg Schepp von der DLRG (rechts) begleitet Roswitha Tjaden ins tiefe Wasser.

Foto: Sebahat Arifi

Hans-Georg Schepp von der DLRG (rechts) begleitet Roswitha Tjaden ins tiefe Wasser. Foto: Sebahat Arifi

„Mach langsam, atme“, fordert Kurt Bendig Roswitha Tjaden auf. Bendig gehört der DLRG Königslutter an, die diesen Kurs anbietet. Er beobachtet, wie die 60-Jährige ihre Schwimmzüge macht, im flachen Teil des 25-Meter-Beckens. Eigentlich sieht alles schon ganz gut aus, dennoch fallen sofort die beiden orangefarbenen Schwimmflügel auf, die ihre Oberarme umschließen. „Auch wenn ich die schon ziemlich locker habe, ich glaube, ohne geht es noch nicht“, ist sie sich sicher.

Tjaden war bereits in der vergangenen Saison dabei, wie eigentlich alle, die im Wasser sind. Manche auch schon öfter. Für einen Außenstehenden sieht es auch so aus, als ob alle schwimmen können. Doch da gibt es einen Faktor, der alle hemmt: die Angst. „Als ich letztes Jahr angefangen habe, dachte ich, ich würde es nie schaffen. Man verkrampft einfach, und dann geht nichts mehr. Auch jetzt fühle ich mich noch nicht frei“, schildert Roswitha Tjaden das Gefühl, das Annegret Kriependorf nur allzugut kennt.

Die 59-Jährige kommt eigens aus Harbke zu dem Kurs nach Königslutter. Auch sie ist „Wiederholungstäterin“ und zieht fleißig ohne jegliche Hilfen eine Bahn nach der anderen. „Vor der Tiefe habe ich Angst, deshalb bleibe ich lieber hier vorne, da habe ich Boden unter den Füßen“, deutet sie auf den flachen Teil des Beckens.

Aber so leicht kommt sie den DLRG-Männern nicht davon. Hans-Georg Schepp fordert sie auf, ein wenig in Richtung tieferes Wasser zu gleiten. Annegret Kriependorf zögert, wählt dann eine Abkürzung und schwimmt nur eine kurze Diagonale, bis sie den rettenden Beckenrand erreicht hat. „Man muss auch fordern“, betont Schepp, aber: „Niemand darf das Gefühl von Sicherheit verlieren.“

Und genau hier läge das Problem, wenn Erwachsene Schwimmen lernen. „Ich will nicht unbedingt sagen, dass sie schlechter als Kinder lernen, aber sie haben eben Hemmnisse, es ist ein Geduldsspiel“, beschreibt Kurt Bendig, was er in 25 Jahren Schwimmunterricht beobachtet hat. Und Rolf Martin sagt es so: „Ein kleine Welle kann schon ein großer Berg sein, der so manchen zum Straucheln bringt.“

Die älteste Teilnehmerin des Kurses ist 76 Jahre alt. Sie hat mit 70 die ersten Schwimmzüge ihres Lebens gemacht. Mit allen anderen Kurs-Teilnehmern hat sie eines gemeinsam: Niemand von ihnen hat in der Kindheit Schwimmen gelernt. Einfach weil es keine Gelegenheit gab. „Aber das betrifft nicht nur die Älteren, manchmal machen auch 18-, 20-Jährige den Kurs mit. Man glaubt gar nicht, wieviele Leute es nicht können“, stelle Rolf Martin immer wieder erstaunt fest. Umso mutiger sei es, wenn jemand sich entschließe, seine Ängste auch im höheren Alter zu bekämpfen.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Captcha
    Weitere Artikel aus diesem Ressort