Berlin. Das Medikament Pregabalin soll im Zusammenhang mit tausenden Todesfällen stehen. Warum sich Ärzte gegen ein Verbot aussprechen.

  • Millionen Packungen Pregabalin wurden in Deutschland an Patienten ausgegeben
  • Auch in Großbritannien wird das Medikament stark nachgefragt und steht dort in Verbindung mit Tausenden Todesfällen
  • Wie gefährlich ist das Medikament? Das sagen Ärzte

Pregabalin zählt in Deutschland zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten – in Großbritannien wird es jetzt mit tausenden Todesfällen in Verbindung gebracht. Allein in den vergangen fünf Jahren sollen rund 3400 Menschen gestorben sein, nachdem sie das Medikament eingenommen hatten. Das haben Recherchen der britischen Sonntagszeitung „Sunday Times“ ergeben.

Und die Tendenz steigt: Während es in Großbritannien 2012 noch neun Todesfälle gewesen sein sollen, waren es 2022 schon 780. Die britische Statistikbehörde schreibt immerhin von 576 Todesfällen im Jahr 2022 in England und Wales. Trotzdem sprechen sich Ärzte gegen ein Verbot des Medikaments Pregabalin aus. Was hat es damit auf sich?

Was ist Pregabalin und für wen wird es verschrieben?

Der Arzneistoff Pregabalin gehört zu der Gruppe der Gabapentinoide und wird für die Behandlung von Nervenschmerzen, Angststörungen und Epilepsie verwendet. Er wirkt dabei im zentralen Nervensystem und schwächt die Weiterleitung von Schmerz- und Stresssignalen. Das verschreibungspflichtige Medikament ist auch in Deutschland von mehreren Herstellern bekannt.

Wie wirkt Pregabalin?

Das Medikament reduziert die Erregbarkeit der Nervenzellen und hat deshalb meist eine beruhigende bis sedierende Wirkung. Doch selbst bei der zulässigen Höchstdosierung kann Pregabalin auch eine euphorische Wirkung haben, weshalb das Präparat durchaus machen kann, warnt die Bundesärztekammer.

Wie kann Pregabalin zum Tod führen?

Und genau das scheint der Knackpunkt zu sein. Lebensgefährlich werden die Kapseln vor allem dann, wenn sie entweder in zu hoher Dosierung oder in Kombination mit anderen Medikamenten oder Drogen eingenommen werden. Schwere Neben- und Wechselwirkungen treten besonders in Zusammenhang mit der Einnahme von Beruhigungsmitteln, insbesondere Benzodiazepinen und Opioiden, auf. Auch Alkohol sei hier gefährlich, erklärt Psychiater Christoph Bartels gegenüber der „Apotheken Umschau“.

In einer im „British Journal of Clinical Pharmacology“ veröffentlichten wissenschaftlichen Studie hat ein Forschungsteam 2322 Todesfälle in Zusammenhang mit Pregabalin und 913 mit Gabapentin, das ebenfalls zur Behandlung von Epilepsie und als Schmerzmittel eingesetzt wird, untersucht – und die Ergebnisse sprechen für sich.

Beim Missbrauch von Pregabalin und Gabapentin wurde demnach bei mehr als 90 Prozent der Todesfälle auch eine Einnahme von Opioiden festgestellt. Es wurden also mehrere starke Medikamente miteinander vermischt. Häufig scheinen diese sogar illegal beschafft worden zu sein. Nur in jedem vierten Fall wurden beide Medikamente von einem Arzt verschrieben.

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Laut den Ergebnissen der Studie waren die Blutkonzentrationen von Pregabalin und Gabapentin in den meisten Fällen in einem unbedenklichen Bereich. Lediglich in zwei Fällen seien die Medikamente durch eine zu hohe Dosierung allein für den Tod verantwortlich gewesen.

Epilepsie: So viele Menschen sind betroffen

Bei einem epileptischen Anfall geben Nervenzellen im Gehirn zu viele Signale auf einmal ab und des kommt zu einer Überreaktion. Treten mindestens zwei spontane epileptische Anfälle ohne eine erkennbare Ursache auf, spricht man von einer Epilepsie. Laut der Deutschen Epilepsievereinigung sind davon ein bis zwei Prozent der Bevölkerung betroffen.

Gibt es auch Todesfälle in Deutschland?

Auch in Deutschland wurden bereits Todesfälle registriert, die in Zusammenhang mit Pregabalin stehen könnten. Ein Sprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte teilt auf Anfrage von „Focus online“ mit: „Aus Deutschland liegen dem BfArM insgesamt 2941 schwerwiegende Fallmeldungen zu Verdachtsfällen vor.“

Verkauft wird das Medikament in Deutschland millionenfach. Allein im Jahr 2021 waren es laut Angaben des Bundesinstituts rund 5,5 Millionen Packungen. Das Sicherheitsprofil von Pregabalin werde deshalb streng überwacht. Bei einer Untersuchung im September 2023 ist ein zeitlicher „Zusammenhang zwischen dem Absetzen von Pregabalin und dem Auftreten von Suizidgedanken“ festgestellt worden, so der Sprecher. Der Ausschusses für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz empfiehlt deshalb, „suizidale Gedanken“ als mögliches Entzugssymptom auf dem Beipackzettel des Medikaments zu erwähnen.

Sollte ich aufhören, Pregabalin zu nehmen?

Wer aktuell Pregabalin einnimmt, sollte sich zwar über die Suchtgefahr und die Nebenwirkungen – unter anderem Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schwindel – im Klaren sein, kann das Medikament in den meisten Fällen aber weiterhin nehmen, sind sich Experten einig. Die Kapseln seien für Betroffene von Epilepsie und Angststörungen nach wie vor effektiv und eine gute Behandlungsmethode. Wichtig sei jedoch, dass die maximale Tagesdosis von 600 Milligramm dabei nicht überschritten werde.

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Ärzte raten außerdem davon ab, das Medikament von heute auf morgen abrupt abzusetzen. So könnten schließlich Entzugserscheinungen auftreten. Normalerweise sollte deshalb die tägliche Dosis schrittweise heruntergefahren werden – natürlich in Absprache einem Arzt.

Anmerkung der Redaktion

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