Gaußschule – „Die Entrüstung ist ganz typisch“

Braunschweig  An Jörg Argos Schreibtisch entstand die Idee, das Gymnasium umzubenennen.

Jörg Argo gehört der Geschäftsführung der Braunschweiger Werbeagentur Gingco.Net an.

Foto: privat

Jörg Argo gehört der Geschäftsführung der Braunschweiger Werbeagentur Gingco.Net an. Foto: privat

Die geplante Umbenennung der Gaußschule erhitzt die Gemüter. Es gibt kaum jemanden, der keine Meinung dazu hat. Eine Online-Petition ist angerollt und hat inzwischen rund 1500 Unterstützer, Schüler sammeln Unterschriften, und Lehrer haben mit einer T-Shirt-Aktion gegen die Umbenennung protestiert. Unsere Redaktion sprach mit Jörg Argo aus der Geschäftsführung der Werbeagentur Gingco.Net. Er hat den Prozess der Neuausrichtung begleitet, um den nun so leidenschaftlich debattiert wird.

Herr Argo, Ihr Vorschlag, die Gaußschule in „Gymnasium Carl Friedrich Gauß Braunschweig“ umzubenennen, stößt auf heftige Kritik unter Schülern, Lehrern und Ehemaligen. Sind Sie überrascht?

Wir hätten uns da eine beruhigte und vor allem sachliche Debatte gewünscht, denn die Markenüberarbeitung ist ja nicht im luftleeren Raum entstanden. Wir haben uns die derzeitige Marke, das regionale Umfeld, den Genius Loci, den Namensgeber, den Markenkosmos junger Menschen und auch internationale Bildungsmarken sehr genau angeschaut. Wir haben überlegt, welche Werte und Identifikationsmerkmale aus der Historie wir transportieren wollen. Dazu gehört es eben auch, den Namen zu untersuchen und Fragen stellen zu dürfen. Wir haben sogar Schüler befragt und eine recht eindeutige Meinung erhalten, auch zum derzeitigen Namen. Ich glaube, da ist leider bereits im Vorfeld Öl ins Feuer gekippt worden. Und das zu einem Zeitpunkt, als das neue Markenzeichen noch gar nicht bekannt war.

Sie hatten also nicht mit diesem Sturm der Entrüstung gerechnet?

Es handelt sich durchaus um eine typische Reaktion bei einem Re-Branding, also bei der Umbenennung einer Marke. Wir kennen das von Unternehmen. Jegliche Änderung im Namen ruft fast immer eine Gegenwehr hervor. Der Prozess ist vergleichbar mit dem, wenn der eigene Vater nach 35 Jahren plötzlich eine neue Brille trägt. Am Anfang denkt man: Das ist nicht mehr mein Vater. Nach ein paar Tagen hat man sich schon ein bisschen daran gewöhnt – und wenn man später einmal Bilder vom Vater mit dem alten Gestell sieht, denkt man: Die Brille hätte er schon viel eher wechseln sollen. Davon abgesehen ist der Protest nicht nur negativ zu sehen.

Wie meinen Sie das?

Immerhin zeigt er die große Identifikation der Schüler, Lehrer und sogar der Ehemaligen mit dieser Schule. Wenn der Name allen egal wäre, wäre das zweifelsohne eine schlechtere Basis.

Können Sie die Kritik denn nachempfinden? Immer wieder wird auf die Tradition der Schule verwiesen, die ihren Namen schon seit mehr als hundert Jahren trägt.

Wenn das Argument „Diese Schule hat schon immer so geheißen“ das einzige gegen die Umbenennung ist, ist mir das zu wenig. Unsere Arbeit richtet sich immer in die Zukunft, sie adressiert somit zukünftige Generationen von Schülern, Eltern und auch Lehrern. Das ist der Kontext, in dem wir denken. Und das ist ganz sicher auch das Verständnis der Schulleitung. Wenn Tradition zum Dogma erhoben wird, dann müsste die Gaußschule ja heute noch eine „städtische Realschule für Jungen“ sein – ein interessanter Gedanke.

Warum halten Sie den neuen Namen für besser?

Der Name „Gaußschule“ enthält weder eine eindeutige Bezeichnung der Schulform noch des Namensgebers. Gerade diese Identifikationsmerkmale haben wir gestärkt und um den Zusatz Braunschweig ergänzt, denn wir haben bei unserer Recherche mindestens acht weitere „Gaußschulen“ gefunden. Darüber hinaus muss man den Namen im Zusammenspiel mit dem Markenzeichen betrachten, denn erst das ergibt die erkennbare und sichtbare Identität.

Das neue Erscheinungsbild ist zeitlos, wertig und zeigt bewusst eine Gestaltung mit sorgsam entwickelten, heraldischen Elementen. Es ist somit durchaus eine Konsolidierung vorhandener Werte und ein zukünftiger Vertrauensanker im Bildungssegment dieser Region.

Erzählen Sie bitte, wie es überhaupt zu der Überarbeitung kam.

Die Schulleiterin Christine Lenck-Ackermann hatte mich angerufen und gefragt, ob unsere Agentur das Corporate Design der Schule überarbeiten könnte – also das äußere Erscheinungsbild mit allen relevanten Elementen. Uns war bereits nach den ersten beiden Gesprächsterminen klar, dass diese Aufgabe inhaltlich aber eben auch im Entscheidungsprozess herausfordernd werden würde. Dem haben wir uns gestellt.

Hätte man Schüler, Lehrer und Ehemalige nicht stärker am Entscheidungsprozess beteiligen müssen?

Es ist nicht meine Aufgabe, das zu entscheiden. Aus meinem Verständnis ist es erst einmal die Aufgabe der Schulleitung, ihre Schule zukunftssicher zu positionieren. Und wenn Schule nicht ein Ort ist, an dem „Veränderung“ möglich sein sollte, wo dann?

Glauben Sie, dass die Gegner noch von dem neuen Namen überzeugt werden können?

Ich glaube an Maßhaltigkeit und an Argumente. Und davon abgesehen: Sprache findet immer ihren eigenen Weg, gerade bei jungen Menschen.

Vielleicht sagen auch die Abiturjahrgänge 2055 noch: „Ich war auf der Gauß.“ Das bleibt ja im Namen. Ich bin gespannt.

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