Braunschweiger Arzt fordert klare Regeln gegen Korruption

Braunschweig  Ein Braunschweiger Mediziner hat sich der Initiative unbestechlicher Ärzte angeschlossen und wehrt sich gegen den Einfluss der Industrie.

Einen Namen hier eintragen, ein Kreuz dort machen – und schon sind ein paar Euro dazu verdient. Der Braunschweiger Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Schneider-Rathert könnte locker sein Honorar aufbessern. Er könnte etwa dokumentieren, wie seine Patienten das Nasenspray des Pharmaherstellers XY vertragen und für diese Leistung einen Bonus einkassieren. Oder beobachten, wie sich das neue Schmerzmittel des Unternehmens YZ auswirkt. „Für eine sogenannte Anwendungsbeobachtung braucht man einen Kuli, ein Blatt Papier und ein Stück Unbekümmertheit – mehr nicht“, sagt er.

Doch Schneider-Rathert gehört zu den Ärzten, die auf eine Aufbesserung ihres Honorars durch die Pharmaindustrie verzichten, aus Prinzip. Er ist der Auffassung, dass das deutsche Gesundheitssystem Intransparenz der Verflechtungen zwischen Medizinern und Arzneimittelherstellern begünstigt, zum Nachteil der Beitragszahler und Patienten. Deswegen ist er „Mezis“ beigetreten, das steht für „Mein Essen zahle ich selbst“ – einer unabhängigen Ärztevereinigung, die sich freimachen will von jedwedem Einfluss der Pharmabranche.

Schneider-Rathert hat erlebt, wie Pharmavertreter bei ihm auf der Matte standen, um ihre neuen Medikamente vorzustellen, kleine Geschenke wie Kalender oder Mousepads waren oft gleich mit im Gepäck. Er hat die Erfahrung gemacht, dass Anwendungsbeobachtungen noch in der Praxis direkt in den Papierkorb wanderten - weil die dokumentierten Nebenwirkungen offenbar nicht erwünscht waren.

Er hat mal eine Fortbildung besucht, zu die Pharmavertreter eingeladen hatten. Ärzte müssen sich regelmäßig weiterbilden; die Seminarangebote der Industrie sind günstig, es gibt gutes Essen, die Übernachtung in großen Hotels ist inklusive. „Wer wie viele Ärzte in den letzten Jahren unzufrieden mit seinem Honorar ist, will nicht viel für Fortbildungsveranstaltungen zahlen“, beschreibt der Mediziner das Dilemma. Doch von Unabhängigkeit ist bei solchen Veranstaltungen oft keine Spur: „Die Pharmabranche will vor allem, dass wir ihre neuesten Medikamente verschreiben.“

Mit seinem Gewissen konnte er das nicht vereinbaren; er beschloss, Mezis beizutreten: Mehr Transparenz im Gesundheitswesen trägt seiner Überzeugung nach zu einer besseren Versorgung der Patienten bei.

Laut Mezis sind bundesweit rund 15 000 Pharmavertreter unterwegs, um ihre Medikamente an den Arzt zu bringen. Sie besuchen rund 20 Millionen Mal im Jahr Praxen und Krankenhäuser. „Sie beleuchten das Umfeld des Arztes und versuchen, ihn quasi freundschaftlich an sich zu binden“, sagt Schneider-Rathert. „Kollegen bekommen Reisen angeboten oder kriegen zum Geburtstag ihrer Kinder Geschenke vorbeigebracht.“ So etwas schafft Loyalitäten und – oftmals unbewusste Abhängigkeiten.

In Deutschland ist dieses Vorgehen völlig legal. Im Juni hatte der Bundesgerichtshof entschieden, dass sich niedergelassene Ärzte nicht strafbar machen, wenn sie als Gegenleistung für das Verordnen eines Arzneimittels Präsente der Pharmaindustrie annehmen. Sie handelten weder als „Amtsträger“ noch als Beauftragter der gesetzlichen Krankenkassen, hieß es zur Begründung. Der Gesetzgeber muss regeln, ob in punkto Korruption dieselben Regeln für alle Ärzte gelten sollen.

Doch Schneider-Rathert stört sich daran, wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen unterwandert und von der Politik dabei auch noch unterstützt wird. Er nennt ein Beispiel: Vor vier Jahren hatte der Pharmariese Pfizer erst 430 Millionen Dollar gezahlt, damit ein Gerichtsverfahren in den USA eingestellt wird. Dem Unternehmen wurde vorgeworfen, Studien zu einem Antiepileptikum manipuliert zu haben. Zuletzt musste der Konzern 2,3 Milliarden Dollar Strafe zahlen, um einen Streit mit den US-Behörden über unerlaubtes Medikamenten-Marketing beizulegen.

Nach Angaben der US-Justiz hatte Pfizer unter anderem Ärzte gedrängt, das Schmerzmittel Bextra für solche Behandlungen zu verschreiben, für die es nicht zugelassen war. „Warum dringt das fortgesetzte Fehlverhalten nicht an die Medien?“, fragt Schneider-Rathert.

Oder das Beispiel Schweinegrippe: Deutschland bestellte 2010 fünfzig Millionen Impfdosen, die nur von einem Bruchteil der Bevölkerung in Anspruch genommen wurden. Mit 260 000 Erkrankungen und 258 Todesfällen nahm die Schweinegrippe einen im Vergleich zu anderen Grippewintern sehr milden Verlauf. Laut Transparency International sei dem deutschen Gesundheitswesen insgesamt ein Schaden von etwa einer Milliarde Euro entstanden, der Umsatz der Impfstoffhersteller wurde nach einer Untersuchung des Europarates mit achtzehn Milliarden Euro beziffert.

„Leider beeinflusst die Pharma-Industrie auch die Mehrzahl der ärztlichen Fachzeitschriften und selbst wissenschaftliche Kongresse“, sagt Schneider-Rathert. Um das Bewusstsein angehender Mediziner für das Vorgehen der Branche zu schärfen, drängt Mezis zunehmend auch an die Universitäten. Welche Fachjournale sind unabhängig? Wie erhalte ich Fortbildungen, die nicht von interessengeleiteten Informationen geprägt sind? Mit welchen Verkaufsstrategien sind Pharma-Vertreter unterwegs? „Altgedienten Medizinern mag es schwerer fallen, umzudenken. Aber über den Nachwuchs können wir einen Bewusstseinswandel erreichen“, sagt er.

Von seinen Patienten habe er nur positive Reaktionen erhalten, wenn sie von seiner Mitgliedschaft bei Mezis erfahren haben. „Sie wollen das beste Medikament verordnet bekommen und nicht das, was der Industrie den größten Profit verspricht.“

Fakten

Die Initiative „Mein Essen bezahle ich selbst“ (Mezis) wurde 2007 nach dem US-amerikanischen Vorbild „No free lunch“ gegründet. Von den rund 130 000 niedergelassenen Ärzten in Deutschland haben sich 330 der Initiative Mezis angeschlossen.

Mezis versteht sich als Teil eines Netzwerkes gegen Einflussnahmen der Pharmaindustrie auf das Verordnungsverhalten von Ärzten. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern unterstützt die Initiative als Gründungsmitglied.

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