Als Erste auf der „Braunschweig-Spitze“

Braunschweig  Fünf Braunschweiger Bergsteiger haben das Karakorum-Gebirge in Pakistan erkundet. Am Montag berichteten sie beim Alpenverein über die Expedition.

Gerade läuft „Die Vermessung der Welt“ in den Kinos. Die Romanverfilmung erzählt von der Brieffreundschaft des in Braunschweig geborenen Mathematikers Carl Friedrich Gauß mit dem Naturforscher Alexander von Humboldt. Sie gingen als Pioniere der Kartographie, Abenteurer und Entdecker in die Geschichte ein. Die Gauß’sche Landesaufnahme des Königreichs Hannover war vor 190 Jahren ein Meilenstein der Vermessungstechnik. Alexander von Humboldt war 1802 fast bis zum Gipfel des 6310 Meter hohen Vulkans Chimborazo in den peruanischen Anden geklettert.

Heute liefert uns die Marssonde Curiosity Daten vom roten Planeten. Sind also auf der Erde längst alle weißen Flecken erforscht? Mitnichten! In diesem Sommer gingen fünf Bergsteiger aus der Region auf Expedition ins Ungewisse. Ja, gewissermaßen traten sie in von Humboldts und Gauß’ Fußstapfen. Am Montagabend berichteten Sie in der TU Braunschweig über ihre Expedition. Der Alpenverein eröffnete mit den Expeditionsteilnehmern Vortragssaison.

Gaby Lappe (47), Susanne Riediger (48), Jens Köhler (38), Kai Maluck (37) und Clemens Pischel (44) erkundeten fünf Wochen lang den Solu-Gletscher im Norden Pakistans. Sie gehören der Sektion Braunschweig des Deutschen Alpenvereins an und sind passionierte Bergsteiger. Pfingsten trainierten sie bei der Braunschweiger Hütte in den Tiroler Alpen. Am 21. Juli flogen sie ab Frankfurt über Kuwait nach Pakistan. Ihr Ziel: Die Bergriesen des Karakorum. Für ihr Expeditionsgebiet gibt es keine Landkarten, keinen Reiseführer. Die meisten der majestätischen Felsberge rund um den Solu-Gletscher haben keinen Namen und wurden noch nie bestiegen.

Bergbewohner nahmen die Braunschweiger herzlich auf

„Wir haben uns bewusst eine Region ausgesucht, die bislang von ausländischen Bergsteigern nur ganz selten betreten worden ist. Das Solu-Tal liegt im Schatten der bekannten 8000er“, sagt Kai Maluck. Dabei bietet der Fels dort – fester Granit – hervorragende Klettermöglichkeiten.

Die Lust auf Naturerlebnis und Grenzerfahrungen treibt Bergsteiger wie Maluck an. Doch ihm und seinen Mitstreitern ging es auch darum, Neues zu entdecken. Die Begegnung mit einer völlig fremden Kultur hat bei ihnen bleibenden Eindruck hinterlassen. „,Shukria’ heißt ,Danke’ – dieses Wort hörten wir überall. Die Menschen haben uns unglaublich herzlich und gastfreundlich aufgenommen“, erzählt Maluck. Skepsis, gar einen Kampf der Kulturen erlebten die Expeditionsteilnehmer auch in den streng muslimischen Bergregionen nicht.

Faszinierende Begegnungen zwischen den Kulturen

Schon in der Hauptstadt Islamabad tauchten Lappe, Riediger, Köhler, Maluck und Pischel in eine geheimnisvolle Welt wie aus Tausendundeiner Nacht ein. Auf dem Karakorum-Highway – einer schmalen Schotterpiste über schwindelerregenden Abgründen – fuhren sie in schaukelnden Jeeps bis zum Bergdorf Bisil. Dort halfen Maluck und Pischel bei der Getreideernte, schleppten die gebundenen Garben auf dem Rücken vom Feld. „Susanne und ich durften mit den Frauen des Dorfes baden“, berichtet Gaby Lappe. Die Einwohnerinnen hielten sich nur selten außerhalb der kleinen Steinhäuser auf – und wenn, dann komplett verschleiert.

Beim Zähneputzen nach dem Frühstück wurden die Bergsteiger von den Einheimischen genau beobachtet. Kinder stürzten sich regelrecht auf die Reiselektüre der Besucher: „Sie waren von den farbigen Bildern fasziniert, blätterten unsere Bücher immer wieder durch“, sagt Jens Köhler.

Nach einigen Tagen zur Akklimatisierung in Bisil stiegen die Braunschweiger mit je 30 Kilo Gepäck im Rucksack zu den Almen im Solu-Tal auf. Zelte, Proviant, Kletterausrüstung – beim Schleppen wurden sie von pakistanischen Trägern unterstützt. Zunächst erkundeten sie den östlichen Arm des Gletschers, überquerten tiefe Spalten und reißende Tauwasser-Bäche. Das Wetter spielte mit, morgens tauchte die Sonne die verschneiten Gipfel vor azurblauem Himmel in gleißend rotes Licht.

Kurz unter dem Gipfel zum Rückzug gezwungen

Dann wandten sich die Bergsteiger nach Norden zum 6102 Meter hohen Sugulu-Peak. An diesem höchsten Berg der Region waren bereits zwei Expeditionen gescheitert. Kai Maluck und Clemens Pischel suchten sich einen lawinensicheren Platz für ihr Zelt und richteten auf 5200 Meter ein Hochlager ein. Vier Stunden lang schmolzen sie auf dem Gaskocher Schnee für Trinkwasser. Nachts begann es zu schneien. Trotzdem versuchten sie am nächsten Morgen, den Gipfel zu erreichen. Sie kletterten schon am Gipfelgrat, doch 250 Höhenmeter unter ihrem Ziel wurden sie durch Neuschnee und Nebel zum Rückzug gezwungen. „Bei Bergsteigern, die nicht umdrehen können, wenn es gefährlich wird, stimmt etwas nicht“, sagt Maluck.

Als erster Mensch auf dem Braunschweig Brakk

Kurz vor der Rückreise gelang dem Gymnasiallehrer dann doch noch eine Erstbesteigung. Über dem Pakora-Gletscher kletterte er durch eine steile Eisrinne und über einen vereisten Grat auf einen Granitberg. Am 14. August stand er auf dem höchsten Punkt, 5301 Meter zeigte sein GPS-Messgerät. Der Erstbesteiger befestigte ein Messingtäfelchen mit dem Schriftzug „Braunschweiger Karakorum-Expedition 2012“ am Fels. In Malucks Expeditionsbericht, der andere Alpinisten auf das Gebiet aufmerksam machen soll, heißt der Berg nun „Braunschweig Brakk“. „Brakk“ ist Urdu und bedeutet in dieser pakistanischen Sprache „Felsgipfel“. „Braunschweig hat jetzt einen neuen höchsten Punkt“, sagt Kai Maluck und schmunzelt.

Der 37-Jährige plant für den Sommer 2013 schon die nächste Expedition zum Solu-Gletscher. 200 Jahre nach Gauß und von Humboldt gibt es immer noch echte Entdecker.

Linktipp

Ein zwölfminütiges Video über die Expedition finden Sie hier.

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