Das Ende der Killer-Phrasen

Braunschweig  Offen gesagt – Der Lokalchef unserer Redaktion schreibt Klartext und lädt zur Diskussion ein.

Henning Noske.

Foto: Peter Sierigk

Henning Noske. Foto: Peter Sierigk

In jeder Redaktion gibt es seit jeher die berüchtigten Killer-Phrasen. Das ist normal, vermutlich auch an anderen komplexen Arbeitsplätzen. Denn wenn so viele Menschen mit so vielen wichtigen Anliegen in die Zeitung wollen, dann muss man ein wohlsortiertes Arsenal von Argumenten parat haben. Wenn freilich das Argument nur noch zur bloßen Abwehrhaltung wird, dann haben wir eine Killer-Phrase.

Fangen wir mal mit einem ganz einfachen Beispiel an. „Das will unser Leser nicht!“ ist so eine beliebte Phrase. Hat man schon mal gehört. Es gibt dann noch überaus interessante Varianten, zum Beispiel: „Das will der Braunschweiger nicht.“ Vorsichtig heruntergebrochen auf einzelne Stadtteile lautet die Version: „Das funktioniert da nicht!“ Steigt man inhaltlich ein, geht die Killer-Melodie so: „Das versteht unser Leser nicht.“ Beziehungsweise der Braunschweiger an sich. Oder die Leute in ..., aber lassen wir das. Sie ahnen schon, ich bin kein Freund von Killer-Phrasen. Ich habe zu viele gehört. „Da kriegen wir Ärger.“ – „Das machen wir nicht.“ – „Das machen wir schon lange nicht mehr.“ – „Das haben wir noch nie gemacht.“

Alles Mumpitz, weg damit. Generationen von Redakteuren haben sich damit herumgeschlagen. „Wir haben keine Gummiseiten“, hieß es in jenen Zeiten, als das Gedruckte noch mit Bleilettern in schwere Metallrahmen gesetzt werden musste. Wären Sie aus Gummi gewesen, hätte man die schöne Geschichte ja vielleicht ungekürzt unterbekommen. Heute, da die allgemeine Geschwätzigkeit digitale Rekordfluten und E-Mail-Tsunamis auslöst, ist es nicht wirklich besser geworden. Ein roter Punkt am Ende des Artikels kündet auf dem Bildschirm von „Übersatz“. Zu lang. Wenn Du nachts aufwachst, dann siehst du nicht Sterne, sondern rote Punkte. Es ist ja ohnehin erstaunlich, dass auf der Welt immer gerade genau so viel passiert wie in die Zeitung hineinpasst. Selten hat es einen zynischeren Satz gegeben. Er gemahnt an die ständige Auswahl und den täglichen historischen Kompromiss. Tausche Bankraub gegen Bahnverspätung. Schieb‘ mir mal die 25 Millionen rüber, da fehlt noch ein Aufmacher. Was im Papierkorb beziehungsweise im digitalen Nirwana landet, hätte das Zeug zur Sensation. Wer weiß?

Es gibt auch Killer-Phrasen, die heute aus ganz naheliegenden Gründen nicht mehr funktionieren. „Das hatten wir schon“ ist so eine. Vor vielen, vielen Jahren wachten manche Journalisten darüber, dass in bestimmten Zeiträumen nichts zu wiederholen sei, was bereits im Blatt stand. Das war früher, als gedruckte Artikel wie Gebote auf Steintafeln von oben auf das darbende Leservolk herabgereicht wurden. Heute freilich musst Du erzählen, erklären, weiterdrehen, ständig rekapitulieren, informieren, mitnehmen, an die Hand nehmen. Dranbleiben. Für Dich, lieber Leser, tun wir das. Damit Du uns treu bleibst in einer Zeit, in der jede Information dieser Welt in Sekundenschnelle überall verfügbar ist.

Möchten Sie noch eine Killer-Phrase zum Schluss hören, als Rausschmeißer? Hier ist sie: „Da kriegst Du einen Anruf von ...“ Die läuft hier gewissermaßen außer Konkurrenz, denn es ist ja wohl eher eine Art Ansporn. Eine Ermutigungs-Phrase. Denn wenn keiner anruft, hast Du bestimmt auch etwas falsch gemacht.

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