Achtung, „Blitzer Braunschweig“

Braunschweig  Facebook-Gruppe warnt vor Geschwindigkeitskontrollen – Polizei und Stadt haben nichts dagegen – Schon 10 000 Mal „Gefällt mir“

Gestern, 16 Uhr, waren es 9340 „Gefällt mir“-Angaben bei „Blitzer Braunschweig“. Tendenz stark steigend.

Foto: Witalij Winogradow

Gestern, 16 Uhr, waren es 9340 „Gefällt mir“-Angaben bei „Blitzer Braunschweig“. Tendenz stark steigend. Foto: Witalij Winogradow

An vielen Stellen werden Raser geblitzt – gestern sogar im Rahmen einer 24-stündigen Großkontrolle (siehe S. 1 und Hintergrund). Auch bei Facebook ist bei diesem Thema eine Menge los. Die Gruppe „Blitzer Braunschweig“ gefällt schon fast 10 000 Menschen.

Fast jeder Ort in Deutschland hat mittlerweile solche Gruppen im sozialen Netzwerk. Es geht in der Hauptsache darum, möglichst alle Geschwindigkeitsmessstellen im Straßenverkehr zu melden. Aber das ist nicht alles: In Kommentarforen wird mächtig Dampf abgelassen über die „Blitzer“.

Auch in Braunschweig werden sie aufs Korn genommen. Jene Apparate, die Fotos für die Bußgeldbescheide liefern, werden nunmehr selbst fotografiert – und genauen Ortsangaben ins Netz gestellt.

Aber das ist noch nicht alles: „Blitzer Braunschweig“ bringt auch Informationen über mobile Blitzgeräte. Und immer wieder gepfefferte Kommentare. Mehr noch: Es gibt auch Meldungen über niedrige Benzinpreise, Unfälle, Staus. Alles möglichst aktuell.

Was geht da ab? Wir sprachen mit den Gründern der Gruppe. Seit September 2011 existiert sie und nennt sich Interessengemeinschaft. „In erster Linie wollen wir die Leute vor Blitzern warnen!“, erklären die Moderatoren, die anonym bleiben möchten. Gewarnt wird vor Kon trollen des Ordnungsamtes und der Polizei.

Ist das verboten? Nein, sagt man bei der Braunschweiger Polizei und bleibt gelassen. Sprecher Wolfgang Klages: „Die Verkehrsüberwachung soll transparent sein. Ich habe auch kein Problem damit, die Standorte unserer mobilen Blitzer selbst zu veröffentlichen.“

Ähnlich sieht das auch die Stadtverwaltung. Warum? Pressesprecher Rainer Keunecke: „Ziel der Ge schwindigkeitsüberwachung ist die Unfallprävention, indem sich Autofahrer an die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten halten. Dieses Ziel wird durch den Informationsaus tausch über Facebook nicht behindert.“ Die Weitergabe solcher Informationen ist also legal – und wird sogar begrüßt. „Es verleitet die Menschen an gefährlichen Stellen nicht zum Rasen, sondern bringt sie eher zu vernünftiger Fahrweise“, so Klages.

Wem nutzen diese Warnungen? Diszipliniert es Raser? In der Nähe von Schulen und Kindergärten ist klar, dass es keine Kompromisse auf Kosten der Sicherheit der Kinder geben kann. So sieht man das auch in der Facebook-Gemeinde. Die Moderatoren: „Wir hoffen, dass Fahrer durch unsere Meldungen vom Rasen abgehalten werden, bestätigen können wir dies aber nicht!“

Somit herrscht zumindest Einigkeit in Sachen Sicherheit bei allen Beteiligten. Die einen stellen Blitzer auf, die anderen warnen davor. Im Resultat wird hoffentlich weniger gerast. Doch was ist, wenn die Kontrolle erst hinter einem liegt? Gibt man dann wieder rücksichtslos Gas?

Polizeisprecher Klages meint dazu: „Solche Gruppen im Internet gibt es schon lange. Auch im Radio werden ja zahlreiche Hinweise gesendet. Oft hat das leider nicht den gewünschten Erfolg, aber wir hoffen eben auch, dass jede Meldung etwas bringen könnte.“ Überflüssig werden die Geschwin digkeitskontrollen dadurch jedenfalls nicht.

Allein 2012 zählte die Polizei in Braunschweig bis zum Anfang dieser Woche 4400 Verwarnungen für Geschwindigkeitsüberschreitungen bis 20 km/h – und 762 Verkehrsordnungswidrigkeiten für Überschreitungen von mehr als 20 km/h. Die Stadt Braunschweig hat in diesem Jahr bis Anfang dieser Woche bereits 2807 Fälle von Geschwindigkeitsverstößen in Tempo-30-Bereichen gezählt.

Ob die Geräte wirklich überall notwendig sind, sieht man bei „Blitzer Braunschweig“ allerdings nicht selten kritisch. „Überall ist es auf keinen Fall notwendig. So sehen das unsere Nutzer“, heißt es bei den Moderatoren der Gruppe.

Letztlich kann man es angesichts der Faktenlage schwerlich den Auto fahrern selbst überlassen, ob sie geblitzt werden wollen oder nicht. In Niedersachsen starben letztes Jahr 540 Menschen im Straßenverkehr.

Wolfgang Klages von der Polizei stellt unmissverständlich fest: „Wir erleben zurzeit eine wahre Renaissance bei der Missachtung von Verkehrsregeln.“ Und: „In erster Linie sind es hohe Geschwindigkeiten, die Unfälle mit Todesfolge nach sich ziehen. Uns geht es genau darum, diese Rate zu senken.“

Und hier widerspricht man auch bei „Blitzer Braunschweig“ nicht.

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