„Wasch- und Trauerhaus ist nötig – aus Würde und Respekt“

Braunschweig  Interview mit Aykut Günderen, dem ersten CDU-Ratsherrn muslimischen Glaubens in Braunschweig, über den Bau eines Trauer- und Waschhauses für Muslime.

Aykut Günderen im Interview.

Foto: Agentur Hübner

Aykut Günderen im Interview. Foto: Agentur Hübner

Die CDU-Fraktion im Rat will den Bau eines Trauer- und Waschhauses für Muslime auf dem Hauptfriedhof beantragen. Den Großteil der Kosten für die sogenannte Gasilhane von grob 330 000 Euro soll die Stadt tragen. Dazu sprach Katja Dartsch mit dem CDU-Ratsherrn Aykut Günderen, dem ersten Ratsherrn muslimischen Glaubens in Braunschweig.

Herr Günderen, damit wir wissen, worüber wir überhaupt reden: Bitte erklären Sie, was eine Gasilhane ist.

Gasilhane bedeutet übersetzt soviel wie „Stätte der rituellen Waschung“. Die Waschung eines Verstorbenen ist eines der wichtigsten Rituale für Moslems. Der gesamte Körper des Verstorbenen wird dabei unter fließendem Wasser gereinigt. Diese körperliche Reinheit ist symbolisch als Vorbereitung auf die Begegnung mit dem Schöpfer zu verstehen. Die Waschung wird entweder vom Ehepartner des Verstorbenen oder von gleichgeschlechtlichen Familienangehörigen vorgenommen.

Schon jetzt ist eine solche rituelle Waschung in Braunschweig möglich, und zwar im Städtischen Klinikum. Weshalb also ein Neubau?

Es handelt sich um ein Provisorium, das den Angehörigen die Trauerarbeit erschwert und mit dem besonderen Respekt gegenüber dem Verstorbenen und einem würdevollen Umgang mit dem Toten kaum vereinbar ist. Derzeit ist es so, dass der Leichnam erst zur Waschung ins Klinikum transportiert werden muss, anschließend erfolgt der Weg zurück in die Moschee der Gemeinde, wo die Trauergäste das Totengebet am aufgebahrten Sarg abhalten. Anschließend dann der Transport zur Bestattung.

In Braunschweig finden pro Jahr im Schnitt ein Dutzend muslimische Bestattungen statt. Stellt man dieser Anzahl Investitionskosten in Höhe von etwa 330000Euro gegenüber, die überwiegend die Allgemeinheit tragen soll, muss man fragen, ob das angemessen ist...

Die Zahl der muslimischen Bestattungen wird steigen, das besagen alle Prognosen. Noch lassen sich laut Experten 90 bis 95 Prozent der Muslime, die einst als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, in ihrem Heimatland bestatten. Nach der Waschung und dem Totengebet wird der Sarg also zum Flughafen transportiert.

Die Migranten der zweiten und dritten Generation sind hingegen hier aufgewachsen, haben hier studiert und gearbeitet – Braunschweig ist ihre Heimat, und hier wollen sie auch bestattet werden. Das hat auch ganz pragmatische Gründe, zum Beispiel, dass ihre hier lebenden Kinder das Grab besuchen können. Es würde sich auch um eine Lösung für die Region handeln, denn in den umliegenden Städten und Kreisen gibt es auch keine Gasilhane.

Der Wandel, der sich bundesweit vollzieht, muss vorbereitet werden – dazu gehören nicht nur ein kulturspezifisches und würdevolles Ableben, sondern auch eine kultursensible Betreuung und Pflege im Alter. Auch für die Integration ist das wichtig.

Inwiefern?

Naja, stellen Sie sich vor, Sie haben einen Gast zu Besuch, der weiß, dass er noch nach Hause fahren muss, und deshalb angespannt ist. Er entspannt sich, wenn Sie ihn einladen: Du kannst hier bleiben, ein Bad und ein Bett sind da. Das heißt: Wer weiß, dass er in Braunschweig eine Bestattung nach seinem Glauben erhält, öffnet sich eher und fühlt sich zu Hause. Davon wiederum profitieren alle gesellschaftlichen Bereiche, Wirtschaft und Bildung.

Kirchliche Friedhöfe, Kapellen und Trauerhallen werden in der Regel von den Kirchen über Steuern und Gebühren finanziert. Da muss die Frage erlaubt sein: Warum soll ein Wasch- und Trauerhaus, das von muslimischen Gemeinden genutzt wird, zu 90Prozent von der Stadt finanziert werden?

Es ist so, dass sich muslimische Gemeinden nicht über Steuern finanzieren, sondern auf Spenden angewiesen sind. Der Rat der Muslime in Braunschweig hat signalisiert, dass zehn Prozent der Investitionskosten von diesen Spenden finanziert werden könnten. Zudem könnte das Wasch- und Trauerhaus über Nutzungsgebühren refinanziert werden, so wird es in Mainz gemacht, wo vor einem Jahr ein Wasch- und Trauerhaus gebaut wurde, das bundesweit als Vorzeigeprojekt gilt und von den städtischen Wirtschaftsbetrieben finanziert wurde.

Bei der Kostenschätzung für den Braunschweiger Neubau haben wir uns an Mainz orientiert, wollen nun aber von der Verwaltung die genauen Kosten ermitteln lassen, vermutlich wird es günstiger als 330 000 Euro.

Nach dem ersten Bericht hat unsere Redaktion sehr viele kritische Leserreaktionen erhalten. Welche Reaktionen hat Ihre Partei erhalten?

Ehrlich gesagt, war ich von den Reaktionen schockiert. Da wurden Fragen gestellt wie: Warum geben wir Geld für DIE aus? Wäre das Geld woanders nicht besser aufgehoben? Und das, wo von Migranten immer gefordert wird, sich zu integrieren. Wenn Integration funktionieren soll, gehören immer zwei Seiten dazu! Auf mich wirkt es abstoßend und verletzend, wenn man bedenkt, dass ich hier aufgewachsen bin, hier studiert habe, die Gesellschaft mitforme – und es im Alter dann heißt: Eigentlich gehörst Du aber nicht richtig hierher.

Zur Person: Aykut Günderen ist 40 Jahre alt und sitzt für die CDU im Rat der Stadt – er ist der erste Ratsherr Braunschweigs muslimischen Glaubens. Günderens Eltern kamen Ende der 60er Jahre aus der Türkei als Gastarbeiter nach Deutschland, er wurde in Wolfenbüttel geboren und ist in Braunschweig aufgewachsen. Günderen hat studiert und arbeitet im Konzern-Marketing von VW in Wolfsburg; er ist verheiratet und hat drei Kinder.

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