Die Masche mit dem Stricken
2009-02-18T22:00:00+0100Deutsche entdecken Handarbeiten wieder – Junge Leute melden sich für Kurse an
BRAUNSCHWEIG. "Du musst es locker abketteln, dann passt’s." – "Fersenkäppchen?" – "Nee, ich mach’ verkürzt." Deutschland ist im Strick-Fieber, und immer mehr junge Leute greifen zu Nadel und Wollfaden.
"Jede Woche kommen neue Kunden hinzu, die das Stricken lernen wollen", sagt Katharina Ritter. Die 40-Jährige hat einen eigenen Woll-Laden in München und kennt die moderne Strickerin: Sie ist durchschnittlich zwischen 23 und 26 Jahre alt, unabhängig und auf der Suche nach Individualität.
Mit Öko-Pulli und Anti-Atomkraft-Bewegung hat das schon lange nichts mehr zu tun. Gestrickt wird, was drunter und drüber getragen werden kann. Von sexy Kniestrümpfen, über Kaschmir-Pulli mit V-Ausschnitt bis hin zur klassischen Bommelmütze. Sogar Unterwäsche bleibt nicht verschont.
Nur der komplizierte Norweger-Pulli der 80er Jahre hat ausgedient. "Man strickt heute mit dickeren Nadeln, um schneller ans Ergebnis zu kommen", weiß Angela Probst-Bajak von der Initiative Handarbeit. Einfaches Zopfmuster, großes Maschenbild und leichte, weiche Materialien statt Flauschgarn, greller Farben und Schulterpolster-Pullover.
Stricken erlebt ein Comeback, und Angela Probst-Bajak weiß, warum. "Es macht einfach Spaß, selbst etwas Kreatives mit den Händen zu machen." Der Wunsch nach Individualisierung spiele eine Rolle, und zudem sei Strick in der Mode derzeit einfach angesagt.
Auch in der Gruppe zu stricken, motiviere, und so schießen in Szene-Städten wie Tokio, Los Angeles und Berlin Strick-Cafés nur so aus dem Boden. Hier werden Muster getauscht, edle Garne bewundert und Techniken erläutert. Im Münchener Woll-Laden Lanaiolo veranstaltet Besitzerin Katharina Ritter sogar "lange Nächte des Strickens". Ihr Fazit: "Für die nächsten Wochen ausgebucht."
Strick-Kurse hat die 19 Jahre alte Catharina Dietrich aus Lindau nicht nötig. Schon in der Grundschule hat sie gehäkelt und gestrickt, Tipps für Mützen und Schals holt sie sich von der Oma. "Am liebsten stricke ich glatt – das geht schnell, ist schlicht und robust." Warum überhaupt Stricken? "Dabei kann ich herrlich vom Abi-Stress entspannen."
Und diesen Effekt hat auch die Wissenschaft bestätigt: Forscher der Harvard Medical School haben herausgefunden, dass das monotone Klackern der Nadeln ebenso erholsam ist wie Yoga. Es baut Stress ab und ist wirksam gegen Bluthochdruck.
Das wissen scheinbar auch Hollywood-Stars. Schauspiel-Größen wie Julia Roberts, Demi Moore und Catherine Zeta-Jones haben das Stricken schon vor Jahren für sich entdeckt und ihm zur Renaissance verholfen.
In Deutschland wird der Trend noch eine Weile andauern, glaubt Daniela Sturm vom Zukunftsinstitut Frankfurt. "Der Wunsch, mit den eigenen Händen etwas zu erschaffen, besteht so stark wie selten zuvor." Die Trend-Expertin geht noch einen Schritt weiter und spricht sogar von einem "Bio-Yourself-Boom": Von Brotbacken über Wursten bis hin zu Räuchern und Einkochen – Selbermachen gewinnt wieder zunehmend an Popularität.


