Der Diplom-Pferdeflüsterer

Eine Fachhochschule in der brandenburgischen Provinz bildet staatlich anerkannte Pferdeflüsterer aus.

Monty Roberts, dessen Leben als Pferdeflüsterer verfilmt wurde, beginnt jede Trainingsstunde mit Streicheleinheiten. Allein durch Körpersprache gewöhnt der 74-jährige Kalifornier die Tiere an Sattel, Zaumzeug und Reiter. Das kann man nun auch an einer Fachhochschule im brandenburgischen Bad Saarow lernen.    

Foto: Archivfoto: dpa

Monty Roberts, dessen Leben als Pferdeflüsterer verfilmt wurde, beginnt jede Trainingsstunde mit Streicheleinheiten. Allein durch Körpersprache gewöhnt der 74-jährige Kalifornier die Tiere an Sattel, Zaumzeug und Reiter. Das kann man nun auch an einer Fachhochschule im brandenburgischen Bad Saarow lernen.     Foto: Archivfoto: dpa

Der dunkle Wallach passt auf die kleinste Bewegung auf. Seine junge Trainerin spreizt die Finger und das Pferd fällt in Galopp, sie senkt den Arm und "St. Pauli" wird langsam. Eine kleine Drehung des Körpers und er kommt vertrauensvoll in die Mitte und lässt sich die Stirn kraulen.

Um sich mit Pferden zu verständigen, sind weder Peitsche noch laute Kommandos nötig – und erst recht keine Gewalt. Davon ist Deutschlands berühmteste Pferdeflüsterin Andrea Kutsch fest überzeugt. Man muss nur die Körpersprache der Pferde verstehen und anwenden können. Dieses Wissen will Kutsch weitergeben. In Bad Saarow hat sie dafür eine europaweit einzigartige Fachhochschule gegründet.

"Kein Pferd kommt aggressiv auf die Welt", sagt die 41-jährige Pferdetrainerin. Gefährliches Verhalten der Tiere sei immer das Resultat von falschem Verhalten der Menschen. "Wir geben den Pferden zu selten die Chance, Teil des Teams zu werden."

"Ein Pferd merkt es, wenn man innerlich unsicher ist"

Kutsch will mit dem Tier ein solches Team bilden, das Pferd soll freiwillig mitarbeiten. "Alle Pferde auf der Welt sprechen die gleiche Sprache", sagt sie. Und diese funktioniert ohne Worte. Eine schnelle Bewegung, ein direkter Blick in die Augen, ja nur ein Muskelzucken ist für das Fluchttier Pferd ein Signal.

Entwickelt hat diese Trainingsmethode der amerikanische Pferde-Experte Monty Roberts, Vorbild für den Hollywoodfilm "Der Pferdeflüsterer". Bei seinem Vater musste der heute 74-Jährige zusehen, wie Pferde brutal eingeritten wurden, man ihnen gezielt den Willen brach. Er selbst wurde unzählige Male von seinem Vater geschlagen.

Roberts wollte einen anderen Weg gehen. Wochenlang beobachtete er Pferde in freier Wildbahn und wie sie sich miteinander verständigen. Er nannte ihre Sprache "Equus" (lateinisch für Pferd) und demonstrierte auf unzähligen Tourneen rund um die Welt, wie sie die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Vierbeiner verbessern kann.

Die 24-jährige Justine Giolbas, eine Schülerin Kutschs, spricht diese Sprache nach drei Jahren Akademie flüssig. Wie an einem unsichtbaren Band gezogen, folgt St. Pauli ihr durch die runde Holzarena. Sie hat sein Vertrauen gewonnen, indem sie verständliche Signale gegeben hat.

"Jeder kann das lernen, aber dafür sind Engagement, Selbstdisziplin und Lernbereitschaft nötig", sagt Kutsch. Das Schwierigste sei, ein Bewusstsein über die eigene Körpersprache zu bekommen.

Und das schafft man nicht an einem Tag. "Ein Pferd merkt, wenn man innerlich unsicher ist. Daher muss man in Einklang mit sich selbst kommen, sein Ego, den Stress und die Wut draußen lassen."

Geboren wurde Andrea Kutsch in Frankfurt am Main. Nach einer Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau arbeitete sie in einer großen Hamburger Werbeagentur, war zwei Jahre lang Profi-Windsurferin und gründete später ihre eigene Firma für Marktforschung in der Hansestadt. Ihre wahre Berufung waren jedoch immer die Pferde.

Anfang September wurde ihre Akademie als private Fachhochschule staatlich anerkannt. Damit sind nun Bafög-Zahlungen und Stipendien möglich.

Bewerber müssen bereits gut reiten können

Der Studiengang ist in Deutschland bislang einzigartig. In Wien und im baden-württembergischen Nürtingen gibt es ebenfalls Bachelor-Studiengänge in Pferdewissenschaften, in Göttingen wird ein Masterstudiengang angeboten. Die Schwerpunkte sind dort jedoch jeweils anders.

Im zweiten Jahrgang von Kutschs Fachhochschule sind 14 Studenten. Von Herbst 2010 an will Kutsch jährlich 40 bis 50 Studenten aufnehmen und einen Masterstudiengang anbieten.

Der Zutritt zu der kleinen, verschworenen Gemeinschaft ist jedoch nicht ganz einfach. 4000 Pferdenarren hatten sich 2006 für den ersten Jahrgang beworben, 37 von ihnen wurden ausgewählt. Neben Abitur oder Fachhochschulreife müssen die Bewerber das bronzene Reitabzeichen mitbringen und mehrere Tests bestehen: Fitness, Teamfähigkeit und Pferdekenntnis. Billig ist die Ausbildung zur Pferdeflüsterin außerdem nicht. Ein Semester kostet 3400 Euro. Weitere Informationen unter www.andreakutschakademie.de im Internet. dpa

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