Mut machen für den Weg danach

Ein Mensch stirbt. Die Trauer ist groß – aber auch die Unsicherheit im Umfeld. Wie gehe ich mit Angehörigen um?

Trauerbegleiterin Ulrike Drechsler schaut auf ein frisches Grab auf dem Friedhof im schleswig-holsteinischen Ahrensburg. Die Gärtnermeisterin hat sich zur Trauerbegleiterin ausbilden lassen und betreut die Trauernden in Einzelgesprächen nach dem Tod ihrer Verwandten.    

Foto: Archivfoto: Carsten Rehder/dpa

Trauerbegleiterin Ulrike Drechsler schaut auf ein frisches Grab auf dem Friedhof im schleswig-holsteinischen Ahrensburg. Die Gärtnermeisterin hat sich zur Trauerbegleiterin ausbilden lassen und betreut die Trauernden in Einzelgesprächen nach dem Tod ihrer Verwandten.     Foto: Archivfoto: Carsten Rehder/dpa

Marion Buchholtz ist Bestatterin und Trauerbegleiterin. Sie sagt: "Wichtig ist es, den Menschen da abzuholen, wo er ankommt." In einem Altenheim habe sie mal eine erschütternde Erfahrung gemacht: "Da waren viele junge Pflegerinnen. Aber keine hatte je einen Menschen sterben sehen." Die Menschen wurden vorher einfach rechtzeitig in Krankenhäuser abgeschoben.

Tabuthema Tod. Das gilt auch für den Umgang mit Angehörigen. Viele Menschen sprechen Trauernde auf den Verlust ihres Angehörigen nicht an. Sie schweigen aus Furcht davor, den anderen zu verletzen. "Dabei signalisiert mir ein Mensch schon, wenn ich ihm mit meinen Worten zu nahe gerückt bin", meint Ulrich Kreutzberg, Koordinator des ambulanten Hospizdienstes.

Buchholtz und Kreutzberg geben ihre Erfahrungen als Referenten weiter. Vor sechs Jahren hatte die Volkshochschule Braunschweig die Fortbildungsreihe "Trauernde begleiten" das erste Mal angeboten – in Zusammenarbeit mit den Vereinen Trauerbeistand und Hospizarbeit Braunschweig. Sie umfasst rund 65 Unterrichtsstunden.

"Viele Menschen leisten Trauerarbeit ehrenamtlich oder als Bestandteil ihres Jobs als Arzt, Altenpfleger oder Bestatter", sagt Volkshochschulpädagogin Ute Koopmann. "Wir wollen diesen Menschen ein regionales Fortbildungsangebot anbieten." Die Teilnehmer würden einerseits im Umgang mit Trauernden sicherer. Andererseits lasse sich der Kurs trotzdem mit dem Beruf vereinbaren.

Fünf verschiedene Themenblöcke mit entsprechenden Unterkapiteln behandelt der Kurs. Über allem schwebt das Dreieck als allem zugrunde liegendes Prinzip: Unter dem Punkt "Theorie" werden beispielsweise Trauerphasen oder -modelle studiert. Als "Handwerkszeug" lernen die Teilnehmer unter anderem die Grundlagen der Gesprächsführung kennen. Und unter dem Stichwort "Selbsterfahrung" fließen die ganz persönlichen Erlebnisse eines jeden in den Unterrichtsprozess mit ein.

Stephanie Szielasko-Heide hat die Ausbildung hinter sich. Sie arbeitet als Bestatterin und Trauerbegleiterin. Aufgrund ihrer Erfahrungen auf dem Dorf weiß sie nun, wie wichtig Mut ist. Denn gerade im ländlichen Raum wird vieles noch traditionell gehandhabt. Trauernde fühlen sich dadurch oft eingeengt. Sie glauben, dem Erwartungsdruck von Familienumfeld oder Nachbarn entsprechen zu müssen.

"Aber es muss nicht immer nur eine Beerdigung mit Sarg und Bäumen drumherum sein", betont Szielasko-Heide. Schließlich gibt es auch schöne Dekorationen oder bemalte Särge. Und warum soll nicht auch ein Shanty-Chor zum letzten Abschied singen?

Einmal sei sie von einer Frau angerufen worden, deren Mann verstorben war. "Ich habe ihr gesagt, sie kann ihn bis zum nächsten Mittag bei sich behalten. Die Überführung haben wir dann ganz in Ruhe am nächsten Tag gemacht", berichtet Szielasko-Heide. Auch Fakten über medizinische und rechtliche Zusammenhänge werden in dem Kurs vermittelt.

Dieses Wissen und die Auseinandersetzung mit dem Thema machen Mut. "Viele Trauernde weinen viel und fühlen sich hilflos", erzählt Karla Hergesell, die ehrenamtliche Hospizarbeit leistet und ein monatlich stattfindendes Trauercafé initiiert hat. Ihre eigene Unsicherheit hat sie durch die Ausbildung ein Stück weit abgelegt. "Ich kann die Menschen jetzt leichter in den Arm nehmen, ihnen Haltung und Stärke geben", sagt sie.

Trotzdem kann es immer mal Situationen geben, die auch für den Trauerbegleiter belastend sind. "Ich hatte mal einen Fall, wo ein drei Tage altes Kind gestorben ist. Das war eine absolute Ausnahmesituation. Später habe ich mich gefragt, wie ich das geschafft habe", erinnert sich Szielasko-Heide.

Eine spezielle Situation ist auch, wenn ein Mensch den Freitod wählt. "Da spielt bei den Angehörigen auch immer die Schuldfrage mit rein", sagt Marion Buchholtz. Dementsprechend sei eine ganz andere Trauerarbeit vonnöten. Wie auch beim Unfalltod, bei dem ein Abschied vorher nicht möglich war. Im Kurs wird sogar der spezielle Fall einer heimlichen Geliebten angesprochen, die um einen Menschen nicht trauern kann, ohne die Affäre ans Licht kommen zu lassen.

Trauerbegleiter geben Rat in der Not. Tun sich leichter im Umgang mit den Angehörigen. Aber so richtig leicht ist es eben nie.

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