Mit "Fiete" durch das Hafenbecken

Der Beruf der Woche: Traumberuf am Strom – die Hafenmeisterin von Vegesack.

Hafenmeisterin Sigrid Leichsenring steht vor der Hebebrücke im Hafen Vegesack in Bremen und schaut durch ein Fernglas. Die 49-Jährige ist eine von ganz wenigen Frauen, die einen Hafen managen.    

Foto: Archivfoto: Caroline Seidel dpa

Hafenmeisterin Sigrid Leichsenring steht vor der Hebebrücke im Hafen Vegesack in Bremen und schaut durch ein Fernglas. Die 49-Jährige ist eine von ganz wenigen Frauen, die einen Hafen managen.     Foto: Archivfoto: Caroline Seidel dpa

Wenn Sigrid Leichsenring vom uralten Schlepper "Fiete" erzählt, wird klar, wie sehr die Vegesacker Hafenmeisterin ihren Beruf liebt. Baujahr 1927, winzig klein, mit nur etwa 50 PS ausgestattet – und doch stark wie ein Trecker.

Mit "Fiete" hat die zierliche Frau schon so manchen 20-Meter-Kahn aus dem Hafenbecken gezogen, wenn dessen Motor streikte. "Fiete gehört mir zwar nicht, ist aber mein inoffizielles Dienstfahrzeug", sagt Leichsenring bei einem Spaziergang durch ihr kleines Revier im Norden Bremens.

Die 49-Jährige ist eine von ganz wenigen Frauen, die einen Hafen managen. Einen kleinen zwar nur in Bremen-Vegesack, aber dafür einen mit Geschichte und Flair. Was heute mit seinen Stahlspundwänden, schwimmenden Pontons, Jachten und Kuttern wie ein x-beliebiges Tide-Hafenbecken aussieht, hat historische Bedeutung. Genau hier, wo die Lesum in die Weser mündet, wurde 1622 das erste Hafenbecken in Deutschland künstlich angelegt, weil stromaufwärts der Fluss immer mehr versandete.

Noch einen Superlativ bietet Leichsenrings kleine Welt, die jedes Jahr Hunderte von Freizeitkapitänen anzieht: Die vielleicht immer noch modernste Fußgänger-Klappbrücke Europas. Wer weiß das schon genau? 1999 nach der Einweihung war sie es jedenfalls.

"Jetzt schimpfen die Vegesacker gleich, weil gar kein Boot durch will", vermutet die 49-Jährige vergnügt und führt ihr Prachtstück aus Stahl fürs Foto vor.

Die Glocke bimmelt, ganz langsam senken sich auf beiden Seiten der 42 Meter überspannenden Brücke die Schranken, und dann klappt die Konstruktion mit dem schlanken Pylon von zwei Stahlseilen gezogen langsam in die Höhe.

Tatsächlich: Einem Fußgänger dauert das alles zu lange, er wählt den kurzen Weg um das Hafenbecken herum. "So 700 Mal im Jahr klappe ich die Brücke auf und wieder zu", berichtet Leichsenring. Manchmal sogar mitten in der Nacht.

Ein Stück Lohn für ihren Einsatz – "im Sommer ist das fast ein Rund-um-die-Uhr-Job" – versteckt sich in ihrem Gästebuch. Viel Lob und Dank, hübsche kleine Zeichnungen und zum Teil freundschaftlich persönliche Worte haben ihr die Gäste hinterlassen.

Leichsenring rechnet Tidezeiten für ihre Gäste aus, versorgt sie mit Wasser und Strom, steht mit Rat und Tat zur Seite – und das auch noch vergleichsweise preiswert. Denn der Hafen Vegesack wird von einer Gesellschaft betrieben, die ein Interesse daran hat, ihn mit vielen Traditionsschiffen zu bestücken. "Das soll hier kein Sportschiffhafen werden", sagt Leichsenring.

Wie bestellt klingelt das Handy der Hafenchefin. Ein bisschen wird verhandelt. "Kutter sind hier gerne gesehen", sagt sie dann und erklärt nach dem Ende des Gesprächs: Ein Mann suche einen Platz für einen historischen Kutter von 20 Metern Länge, mit dem er auch Gästefahrten unternehmen wolle. Genau, was Leichsenring sucht, um ihrem Hafen den richtigen Stil zu geben.

Wie ist die dreifache Mutter eigentlich zur Hafenmeisterin geworden? Einen Bootsführerschein habe sie, in der Nähe aufgewachsen sei sie auch, und zwar in einer maritim geprägten Familie. Trotzdem war die Gastronomie ihr erstes berufliches Umfeld.

Als die Kinder noch klein waren und sie keinen Job hatte, begann alles mit Arbeit an alten Booten in einer nahe gelegenen Werft. Irgendwann hat sie sich um den freigewordenen Posten der Hafenmeisterin beworben. Erst war sie Stellvertreterin und dann 2003 ganz schnell Chefin. "Das war eine Verkettung von glücklichen Umständen", meint sie später beim Tee in ihrem gläsernen Büro mit Aussicht auf Hafen und Weser. "Ich genieße das hier, es ist klasse." Gezielt angestrebt habe sie das nicht. Wie ein Traumberuf, von dem man gar nicht geträumt hat. dpa

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