Flügeltür zu – und der V8 ballert los

Sportwagen-Szene: Fast sechs Jahrzehnte nach dem berühmten 300 SL hat Mercedes erstmals wieder einen Flügeltürer gebaut.

Früher nannte man so etwas "Hollywood-Auftritt": Erst nach Art der Limbo-Tänzer unter der hoch aufragenden Tür hindurch ins Cockpit schlängeln, dann eine Dehnübung für die linke Schulter, um die Flügeltür ins Schloss zu ziehen. Schließlich ein Knopfdruck – und der V8-Motor unter der silbernen Fronthaube brabbelt los wie ein Rennsportwagen vor dem Start.

SLS (Sport, Leicht, Super) nennt sich dies Gerät, das – von der Optik her – der Retro-Romantik huldigt. Diese Verbeugung vor dem Design von gestern hat Gründe. Kein Typenkürzel in der Autowelt ist so geschichtsträchtig wie das Buchstaben-Duo SL.

Als Mercedes nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in den Motorsport einstieg, waren es die SL-Rennsportwagen, die 1952 der deutschen Nobelmarke wieder Weltgeltung verschafften. Mit Siegen in Le Mans, auf dem Nürburgring und bei der Panamericana in Mexiko.

Den Renn-Triumphen folgte 1954 das Debüt des Straßensportwagens 300 SL, der mit seinen Flügeltüren längst zur Automobil-Legende geworden ist. 1400 Coupés entstanden von diesem sensationellen Modell.

Die 300 SL waren optisch und technisch die Superstars ihrer Epoche, der Maßstab bei den Sportwagen. Kein Ferrari, Alfa Romeo, Maserati oder Jaguar konnte da mithalten. Das änderte sich in den folgenden Jahren, weil Mercedes – nach breiterer Käuferschicht schielend – den SL zum Salonsportler verwandelte. Mit Erfolg. 700 000 SL sind in fünf Jahrzehnten gebaut worden.

Spaß auf der Rennstrecke

Aber im Jahr 2010 gab Mercedes dem Lieblingsmodell betuchter Weißhaariger einen Schwung in Richtung Sportlichkeit. Vom SL gibt es nun wieder einen echten Supersportwagen. AMG, die PS-Schmiede von Mercedes, entwickelte diesen SLS-AMG mit 571 PS/420 kW und – wie einst – mit Flügeltüren.

Viele Sportwagen sehen nur so aus, als hätten sie mal eben von der Piste einen Abstecher auf die Straße gemacht. Aber sie taugen nicht zum Renner. Anders der SLS. Er verträgt es gut, wenn man ihm in Hockenheim, am Nürburgring oder in der Renn-Arena von Oschersleben mal richtig Feuer gibt. Er lässt sich durch die Kurven peitschen, bis – bei ausgeschaltetem ESP – die Gummis rauchen! Da bebt das Trommelfell, und da rüttelt das straffe Sportfahrwerk an jedem Muskel im Körper.

Besonders der Start ist eine Orgie: Getriebe-Programm auf RS (Rennstart), ESP-Sport vorwählen, linker Fuß auf der Bremse, rechter Zeigefinger clickt am Hochschaltpaddel, der rechte Fuß gibt Gas, linker Fuß vom Bremspedal – und ab geht‘s!

Für Fans ein irres Fahrerlebnis. Da die normalen Straßen glücklicherweise schon längst kein Revier mehr für Gasgeber sind, gewinnt die Spaßfahrerei auf abgesperrten Rennstrecken immer mehr Freunde überall in Europa. Dafür lässt sich der SLS auch noch aufrüsten. Zum Beispiel mit Keramikbremsen (11 300 Euro), mit Schalensitzen (4000 Euro) und allerlei anderen Extras.

Ein Gruß vom alten 300 SL

Das heißt jedoch keineswegs, dass der SLS eine rohe Rennkarre ist. Er zuckelt auch brav ins Büro oder rollt zügig nach München.Genauso alltagstauglich wie die A-, B-, C-, E- oder S-Klasse. Nur wenn er gekitzelt wird, zeigen sich die Renn-Gene. Da faucht er los. Da ist er gleichauf mit Ferrari 458 Italia, Porsche 911 Turbo S oder Audi R8 5,3 FSI – also "top". Der alte 300 SL lässt grüßen.

Und die Design-Nähe zu diesem Urahnen prägt auch die Faszination des SLS: Nie zuvor wurde ich auf ein Auto derart oft angesprochen!

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