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Zentimeterarbeit in 800 Metern Tiefe

Im Asse-Bergwerk wird die Rückholung des Atommülls geprobt – "Die Fässer wollen wir nicht anbohren"

Karl-Ernst Hueske

Mit 300 Umdrehungen je Minute dreht sich der Bohrer in das Salzgestein des Atommülllagers Asse II in Remlingen. Der Bohrer schafft einen Meter je Stunde. 30 Meter sind bereits geschafft, 45 sind das Ziel. Dort wartet eine Betonabschirmung mit einem leeren Atommüllfass.

Kalterprobung lautet das Verfahren, das seit Anfang des Monats in der Asse läuft. Unter Kalterprobung versteht man das Anbohren des Salzgesteins unter realistischen Bedingungen an einer Stelle, an der keine radioaktiven oder chemotoxischen Abfälle gelagert sind.

Das Personal, das die Bohrung vornimmt, muss deshalb bis zur 800-Meter-Sohle herunterfahren. Dort lagern keine Fässer, aber dort steht der riesige Bohrer, der wegen des Salzes nicht mit Wasser, sondern mit Luft gekühlt wird. Drei Männer überwachen den Bohrvorgang, verändern manchmal einige Einstellungen und lauschen dem Bohrer, der sich mit lautem Getöse in das Salzgestein hineindrängt.

In wenigen Wochen soll die erste Kammer mit Atommüllfässern angebohrt werden, die Kammer 7 auf der 750-Meter-Sohle. Dann muss sich der Bohrer durch einen 22 Meter breiten Verschluss der Atommüll-Kammer fräsen. Der Verschluss besteht nicht nur aus Salzgestein, sondern auch aus Sorrelbeton, Bitumen und Asphalt. Das Bohren in diesen Materialien wird ebenfalls auf der 800-Meter-Sohle geprobt.

Gerade die letzten Zentimeter vor den ersten Atommüll-Fässern wird für das Bohr-Team zu einer echten Herausforderung. "Dann ist Zentimeterarbeit gefragt", erklärt der Technische Geschäftsführer der Asse GmbH, Jens Köhler. Dann muss im Bohrloch immer wieder zwischen Bohrer und Kontrollsonden gewechselt werden, denn: "Die Fässer wollen wir nicht anbohren."

Mit in das Bohrloch eingebrachten Magnetik- und Radarsonden soll festgestellt werden, ob man bereits in der Nähe der Metallfässer ist. Auch dieses Verfahren wird auf der 800-Meter-Sohle erprobt.

Und der Einsatz des Preventers wird getestet. Der hat die Aufgabe, das Bohrloch während des Anbohrens der Kammer mit dem Atommüll abzudichten. Dadurch wird gewährleistet, dass aus den Einlagerungskammern keine radioaktiven Partikel über Gase, Stäube oder Flüssigkeiten über das Bohrloch austreten und das Personal und die Umwelt gefährden können.

Die Rückholung der Abfälle aus der Asse, die derzeit vorbereitet wird, gilt nach dem im Januar abgeschlossenen Optionenvergleich als die beste Variante beim weiteren Umgang mit den dort eingelagerten schwach- und mittelradioaktiven Abfällen. Nur durch das Herausholen und das sichere Zwischenlagern der Abfälle kann der Langzeitsicherheitsnachweis erbracht werden, berichtet Dirk Laske, der das Referat Stilllegung beim Bundesamt für Strahlenschutz leitet.

Parallel zur Kalterprobung werden in der Asse auch die Stabilisierungsmaßnahmen fortgeführt. 7 von 80 Firstspalten sind bisher erst mit Sorrelbeton geschlossen worden. Die Firstspalten bilden sich, wenn sich das in die Abbaukkammern geblasene Salz verdichtet hat. Der Beton schließt diese Spalten und sorgt so für eine bessere Standfestigkeit des Bergwerks.

Nur wenn die Standfestigkeit verbessert wird und sich der Laugenzufluss – derzeit zehn Kubikmeter je Tag – nicht so erhöht, dass er nicht mehr beherrschbar ist, gibt es ausreichend Zeit, um den Atommüll wieder aus der Asse herauszuholen.

Die Kalterprobung dauert bis 2013. Dann werden die ersten Fässer geborgen.

Gleichzeitig wird untersucht, wo noch ein weiterer Schacht angelegt werden kann, über den der Atommüll dann an die Oberfläche und dort in ein noch zu errichtendes Zwischenlager gebracht werden kann. 3,9 Milliarden Euro wird die Rückholung nach derzeitigen Stand den Steuerzahler kosten.

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Veröffentlicht: 09.09.2010 - 22:15 Uhr
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