"Wir wollen nicht mit diesem Atommüll leben"
2009-02-26T00:00:00+0100Teilnehmer der Lichterkette fordern Aufklärung über den Zustand des Asse-Lagers und ehrliche Informationen von Politikern
Nahezu 15 000 Menschen aus unserer Region haben gestern Abend eine 52 Kilometer lange Lichterkette gebildet. Die Strecke verlief von Braunschweig zum Atommülllager Asse in Remlingen bei Wolfenbüttel und weiter zum Schacht Konrad in Salzgitter-Bleckenstedt. An der Aktion beteiligten sich etwa 80 Gruppen, darunter Bürgerinitiativen, Sportvereine, Gewerkschaften, Verbände, Parteien und Kirchengruppen.
Wind faucht heftig über die Okerbrücke an der Kurt-Schumacher-Straße in Braunschweig. Es nieselt. Die Flammen lodern unruhig hin und her, Funken fliegen. Manche recken ihre Fackel weit nach oben, andere stehen fast andächtig da, schweigen.
Zwischen dem Hauptbahnhof und dem Kennedy-Platz zieht sich die Lichterkette hier die gesamte Straße entlang. Mehr als hundert Menschen stehen allein an diesem Abschnitt in kleinen Gruppen und auch einzeln. Würden sie sich alle Seite an Seite stellen, könnten sie einander mit ausgestreckten Armen an den Händen fassen.
"Vielleicht wird ja durch diese Aktion der ein oder andere wach. Bei uns liegt doch der ganze Müll: in der Asse, in Morsleben, in Gorleben, bald im Schacht Konrad", sagt Georg Tobias. Der Braunschweiger ist sauer, richtig sauer – und mit diesem Gefühl ist er hier wahrlich nicht der Einzige.
"Die Politiker müssen uns endlich sagen, wie es in der Asse wirklich aussieht. Wenn sie mit offenen Karten spielen würden, wäre viel mehr Akzeptanz da. Aber wir hören doch nur Lügen", wettert der 61-Jährige. "Außerdem müssen die Kosten verursachergerecht aufgeteilt werden – nicht wir Steuerzahler sind dafür verantwortlich, sondern die Atomlobby!"
Viele junge Leute sind auf den Straßen, Schüler, Studenten. Die 14-jährige Denise ist verunsichert. "Ich hoffe, dass die Verantwortlichen alles so machen, dass der Atommüll sicher gelagert wird und nichts passiert." Ihre Freundin Mandy fragt: "Warum brauchen wir denn die Atomkraft immer noch? Man kann doch Strom auch mit Wind und Sonne erzeugen."
Eine junge Mutter sagt vehement: "Solche Aktionen sind wichtig, damit die Politiker merken: Wir wollen hier nicht mit diesem Atommüll leben. Alles, was in den letzten Monaten über die Asse ans Tageslicht gekommen ist, zeigt doch, wie gefährlich das Ganze ist. Es muss Schluss sein mit der Lügerei."
Als die Glocken der Hauptkirche in Wolfenbüttel um 19 Uhr zu läuten beginnen, stehen in der Innenstadt die Menschen bereits Schulter an Schulter mit brennenden Fackeln in den Händen. Mehrere hundert reihen sich im Stadtgebiet zwischen Wendesser Berg und Fümmelse in die Lichterkette ein, um auf das Problem des Atommülls in der Asse aufmerksam zu machen.
Entlang der Strecke durch den Landkreis gibt es teils spektakuläre Aktionen. Zwischen Mascherode und Salzdahlum brennt ein mehrere Meter großes A. An einer Kreuzung bei Sickte steht ein großer Freiluftballon mit flammendem Brenner.
Die Teilnehmer der Lichterkette sind optimistisch, dass die Zeichen, die sie setzen, nicht zu übersehen sind. "Ich bin sicher, dass die Aktion bewusst macht, was hier in der Asse lagert", sagt Hilke Junger, die den Aktionspunkt der evangelischen Jugend vor der Hauptkirche in Wolfenbüttel organisiert.
Die Straße vor dem Haupttor von VW in Salzgitter ist vierspurig und schnurgerade. Um Punkt 19 Uhr reicht hier die Kette aus Fackeln bis zum Horizont. Die Menschen stehen dicht an dicht, kaum einer sagt etwas.
Doch als ein Ordner durch sein Megafon verkündet: "Wir sind die Strecke abgefahren – sie steht", brandet Applaus auf.
Etwa 3000 Menschen bilden allein auf dem Gebiet Salzgitters die Lichterkette, schätzt Ursula Schönberger von der AG Schacht Konrad. "Das ist die größte Aktion, die wir je in der Region hatten", sagt sie. Auch die Polizei, die mit 120 Mann im Einsatz ist, ist beeindruckt von dem friedlichen Protest. Zwischenfälle gibt es nicht.
Unter den Zuschauern am künftigen Atommülllager Schacht Konrad ist auch Wolfram König, der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz. Walter Traube, Kläger gegen Schacht Konrad, sagt: "Wir kämpfen hier für unsere Kinder."
STICHWORT:
Atommüll in der Region
Im ehemaligen Salzbergwerk Asse II bei Wolfenbüttel lagern
126 000 Behälter mit schwach- und mittelradioaktivem Müll. Die Schachtanlage ist
einsturzgefährdet und soll geschlossen werden.
In dem ehemaligen
Eisenerzbergwerk Konrad in Salzgitter-Bleckenstedt soll spätestens von
2014 an leicht bis mittelstark strahlender Atommüll eingelagert
werden.
Im ehemaligen Salzbergwerk Morsleben in
Sachsen-Anhalt nahe Helmstedt wurden 37 000 Kubikmeter schwach- und
mittelradioaktive Abfälle aus der DDR und der Bundesrepublik eingelagert. Die
Schachtanlage ist einsturzgefährdet und soll stillgelegt werden.

