Sparzwänge bringen Krankenkassen in die Zwickmühle
2002-11-03T21:45:00+0100Bundeskanzler Schröder fordert Reduzierung der Verwaltungsausgaben – Immer mehr Aufgaben treiben Kosten in die Höhe
Ist die "Moserei" der Krankenkassen noch gerechtfertigt? Müssen Pharmabranche, Ärzte und Krankenhäuser den Gürtel enger schnallen, die Patienten immer mehr Beiträge zahlen – während die Verwaltungskosten der Krankenkassen weiter explodieren? Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach am Wochenende ein deutliches Machtwort: Schluss mit dem Gejammere. "Macht bei der Kostenreduzierung mit." Dazu sollten die Kassen unter anderem Einsparmöglichkeiten im eigenen Haus prüfen.
Tatsächlich hatten die Verwaltungskosten der gesetzlichen Krankenkassen zuletzt einen neuen Rekordwert erreicht. Lagen sie 2000 noch bei 7,3 Milliarden Euro, schnellten sie im vergangenen Jahr auf 7,6 Milliarden Euro hoch. Insgesamt sind die Ausgaben nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums seit 1989 allein im Westen um mehr als 50 Prozent gestiegen. Mittlerweile geben die Kassen mehr als fünf Prozent des jährlichen Gesamthaushalts für ihre Verwaltung aus. Und Experten gehen davon aus, dass damit das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist.
Mit seinem Spar-Appell dürfte Schröder nun vor allem die Ärzteschaft und die Pharmaindustrie besänftigen, die in der Diskussion um ein Sparkpaket einen alleinigen Aderlass gefürchtet hatten. So fordert die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) die Kassen seit langem schon zu mehr Effizienz und schlankeren Strukturen auf. "Die Ausgaben für ambulante ärztliche Behandlung ohne Medikamente und Hilfsmittel stiegen um moderate 2,3 Prozent und damit fast nur halb so stark wie die Verwaltungskosten", rechnet KBV-Sprecher Roland Ilzhöfer vor.
Zuletzt hätten die Kassen viel in den Ausbau ihrer Internet-Präsentationen investiert, ohne gleichzeitig ihr Geschäftsstellen-Netz auszudünnen. Es gebe immer noch große Verwaltungspaläste mit hohen Unterhaltskosten und einer aufgeblähten Personalstruktur. Auch der Risikostrukturausgleich, der die finanziellen Auswirkungen der Unterschiede in der Versichertenstruktur der Kassen ausgleichen soll, biete wenig Anreiz zum Sparen. "Wenn die Verwaltungskosten eines Industriebetriebes aber jährlich um fünf Prozent steigen würden, wäre er nicht mehr konkurrenzfähig", betont Ilzhöfer.
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat bereits angekündigt, die Verwaltungsausgaben der Kassen 2003 auf die Höhe des Jahres 2002 zu begrenzen. Doch die Kassen sehen sich schon jetzt als Opfer einer durch Bürokratie und Überregulierung geprägten Politik. Jahr für Jahr seien mehr Aufgaben dazu gekommen, beklagt der Bundesverband der Betriebskrankenkassen. Stichwörter: Berechnung und Festsetzung der Festbeträge, Einführung der Fallpauschalen für Krankenhäuser, Kostenkontrollverfahren zur Aufdeckung von Abrechnungsmanipulationen und die Einführung der Chronikerprogramme. Auch benötigten die Kassen für die BudgetVerhandlungen mit den Krankenhäusern hochqualifiziertes Personal. "Dies steigert die so genannten Verwaltungskosten, hilft aber den Anstieg der Leistungsausgaben zu begrenzen", so BKK-BundesverbandsSprecher Florian Lanz.
Auch Klaus Altmann von der AOK Niedersachsen spricht von notwendigen Investitionen. "So haben wir Beratungsapotheker eingestellt, die Ärzten erklären, wie sie sinnvoll verordnen", betont er. Und eine Arbeitsgruppe befasst sich mit dem Thema Falschabrechnungen im Gesundheitswesen. "Die spielen das Zehnfache an Kosten wieder ein." Darüber hinaus sei die AOK durchaus zum Sparen bereit. "Im nächsten Jahr werden wir unsere Verwaltungskosten durch Optimierung der Geschäftsabläufe und Zentralisierung des Gebäudemanagements um 0,7 Prozent absenken", kündigt Altmann an. "Natürlich müssen alle in die Verantwortung genommen werden", betont auch Dorothee Meusch von der Techniker Krankenkasse (TK) und spricht von einer geplanten Umstrukturierung des Unternehmens. Allerdings hat die Verschlankung auch ihren Preis: Im nächsten Jahr wird die TK 1200 Arbeitsplätze abbauen. Jeder achte Arbeitnehmer muss dann seinen Schreibtisch räumen.

