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"Neue Diagnostik erklärt Krebs-Rate"

Nuklearmediziner: Heute werden mehr Karzinome entdeckt, Strahlung ist nicht Ursache

Uwe Hildebrandt

Der Nuklearmediziner Jens Döhring glaubt nicht, dass die erhöhte Krebsrate in der Samtgemeinde Asse etwas mit dem Atommülllager zu tun hat. Döhrings Braunschweiger Gemeinschaftspraxis behandelt viele der Schilddrüsenkrebs-Patienten aus dem betroffenen Gebiet im Kreis Wolfenbüttel. Der Arzt glaubt vielmehr, dass der medizinische Fortschritt in unserer Region dazu geführt hat, dass mehr Krebserkrankungen diagnostiziert wurden.

Laut Niedersächsischem Krebsregister ist die Leukämie-Rate bei Männern in der Samtgemeinde Asse etwa doppelt so hoch wie im Durchschnitt, die Schilddrüsenkrebs-Rate bei Frauen drei Mal so hoch. Da diese Krebsarten zu denen gehören, die durch radioaktive Strahlung entstehen können, befürchten viele Bürger einen Zusammenhang mit dem Atommülllager Asse II.

"Versäumnisse bei der Diagnostik aus der Vergangenheit sind in den letzten Jahren in unserer Region aufgeholt worden", sagt Döhring und weist auf moderne Verfahren hin, die etwa seine vor sieben Jahren gegründete Praxis anbiete – die Verbesserungen seien in dem laut Krebsregister relevanten Zeitraum 2002 bis 2009 erfolgt.

Das Städtische Klinikum Braunschweig sei inzwischen sogar die Nummer zwei in Niedersachsen bei der Zahl der Radiojodtherapien. Zuvor sei Schilddrüsenkrebs bei den Asse-Anliegern schlichtweg öfter übersehen worden, meint Döhring: "Solche Karzinome können Jahre lang unentdeckt bleiben und müssen auch nicht zum Tod führen." Der Nuklearmediziner ist sich sicher: "Die Zahl der diagnostizierten Erkrankungen in der ganzen Region liegt über dem in der wissenschaftlichen Literatur angegebenen Durchschnittswert von sechs Neuerkrankungen pro Jahr auf 100 000 Bürger. Im regionalen Vergleich sei die Asse also voraussichtlich gar nicht so auffällig.

"Wir verzeichnen tatsächlich eine Zunahme von Schilddrüsenuntersuchungen", bestätigt der Wolfenbütteler Radiologe und Nuklearmediziner Dr. Manfred Wolfrum: "Aber es müsste sich um einen überregionalen Trend handeln."

Die Erkrankungen hätten jedenfalls nichts mit dem Atommülllager zu tun, eher noch mit Tschernobyl.

Döhring erinnert daran, dass nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verstärkt bei Kindern und Jugendlichen aus den betroffenen Regionen Schilddrüsenkrebs aufgetreten sei: "In der Asse ist es aber bisher zu keiner Erkrankungshäufung bei Kindern und Jugendlichen gekommen." Auch das spreche gegen einen Zusammenhang von Schilddrüsenkrebs-Fällen und Atommülllager.

Die Erläuterungen des Nuklearmediziners liefern allerdings nur Anhaltspunkte für die erhöhte Schilddrüsenkrebs-, nicht aber für die Leukämie-Rate. Und sie treffen auch nur dann zu, wenn in anderen Kommunen unserer Region in dieser Zeit ebenfalls mehr Krebsfälle entdeckt wurden. Damit gewinnt eine Untersuchung an Bedeutung, die das Bundesumweltministerium angekündigt hat: Die Krebs-Raten für den ganzen ehemaligen Regierungsbezirk Braunschweig werden aufgeschlüsselt. Mitte Dezember sollen erste Ergebnisse vorliegen.

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Veröffentlicht: 08.12.2010 - 22:00 Uhr
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