Leitartikel: Geld essen Seele auf
2002-11-27T21:50:00+0100Freiwillige Film-Selbstkontrolle in der Kritik
Eine an sich lobenswerte Einrichtung ist die freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft. Sie prüft Filme auf ihre Verträglichkeit mit dem kindlichen Gemüt und gibt sie frei für Konsumenten ab 6, 12, 16 oder 18 Jahren. Das ist gut, denn Eltern können ja nicht jeden Film anschauen, bevor sie ihren Nachwuchs hingehen lassen. Und vielen Eltern fehlt auch die notwendige Medienkompetenz.
Doch die Selbstkontrolle ist ins Gerede geraten. Harry Potter, zweiter Teil, ab 6 Jahren? Äußerst fragwürdig, wie auch viele unserer Leser nach der Premiere fanden. Und wenn im April die Neuregelung kommt, dürfen solche Baller-, Killer-, Kaputtmachfilme wie der neue James Bond auch von Sechsjährigen angeschaut werden. Zwar nur in Begleitung Erwachsener. Aber was ändert das? Man kann doch das Eindringen brutaler und destruktiver Bilder auf die Netzhaut, in Gehirn, Gemüt und Seele eines Kindes nicht verhindern oder ihre Wirkung abmildern, indem man daneben sitzt!
In dieser Tendenz, die Menschheit in immer zarterem Alter auf den Leinwand-Horror loszulassen, spielen offenbar ökonomische Interessen eine immer größere Rolle. Es ist schon ein entscheidender Unterschied, ob Kinder erst ab zwölf ihr Taschengeld ins Kino tragen dürfen oder schon ab sechs. Diesem Druck – von den eigenen Auftraggebern! – müssen die Kontrolleure standhalten, wollen sie nicht den Schutz der Kinder gänzlich den erbarmungslosen Marktkräften opfern. Wenn nicht, bedarf die Filmprüfung einer anderen Organisation.
Denn jeder, der Kinder hat und versucht, sie einigermaßen unversehrt durch das heutige Mediengedröhn zu bringen, weiß, wie wenig sie unterscheiden zwischen virtueller und wirklicher Welt, wie Medienbilder sie ängstigen, belasten, verstören können. Und am Ende auch abstumpfen: Ein paar High-Tech-Kinofilme, und das handgemachte, behutsame, pädagogisch wertvolle Kindertheater kann einpacken. Wir schützen sie mit Kindersitzen, Fahrradhelmen, Schwimmreifen. Aber ihre Fantasien und Träume, die schützen wir immer weniger.
Nun mag man sagen: Der Fernsehkonsum ist ja auch nicht kontrollierbar, da kommt es auch bloß auf die Verantwortung der Eltern an. Aber erstens ist Kino das weitaus suggestivere Medium. Zweitens: Wenn Schutz beim Fernsehen schon nicht möglich ist, dann wenigstens im Kino!
Medienforscher streiten, inwieweit früh erlebte Gewalt im Film Heranwachsende dauerhaft schädigt im Hinblick auf Verrohung, Desensibilisierung und eigene Gewalt. Aber kaum noch jemand weist solche Auswirkungen völlig von der Hand. Allein das ist schon bedrohlich genug.

