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Experten: So bekommt Russland kalte Füße

Forscher aus unserer Region setzen auf Abkehr von fossilen Brennstoffen – Lob für Goslarer Forschungsinstitut

Uwe Hildebrandt

Deutschland ist tatsächlich in hohem Maße abhängig vom russischen Gas, bestätigen regionale Energieexperten. Aber sie betonen: Russland hat sich durch sein auf Europa ausgerichtetes Pipeline-Netz auch sehr abhängig von uns gemacht.

Es gibt ausgefeilte Konzepte für eine alternative Energieversorgung, die nur aus der Schublade geholt werden müssen. Sie könnten mit Russlands Vormachtstellung auf dem Energiemarkt Schluss machen, sagt der emeritierte Professor Michael Jischa (71) von der Technischen Universität Clausthal. "Wenn Russland allzu sehr Druck macht auf die westlichen Staaten und uns droht, dann erhöht das bei uns nur die Anstrengungen, auf alternative Versorgungsweisen umzusteigen – wofür ich übrigens sehr bin."

Moskaus Dilemma

Jischa beschäftigt sich als Ehrenpräsident des deutschen Club of Rome sehr ausführlich mit Zukunftsszenarien. Besonders begeistert ihn die unter Federführung des auch in Braunschweig ansässigen Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt erstellte Studie CSP (Concentrating Solar Power). "Ein künftiges europäisches Energienetz könnte durch solarthermische Kraftwerke in der Sahara, Wasserkraft in Europa, Erdwärme in Island sowie Windkraft gespeist werden", erläutert Jischa. Auf fossile Brennstoffe könne dann verzichtet werden.

Würde ein solches Szenario einmal Wirklichkeit, dann müsste Russland kalte Füße bekommen, meint der Club-of-Rome-Experte: "Das Land hat kaum andere Einkommensquellen, seine Versorgungsleitungen sind auf Europa ausgerichtet – um so stärker uns Russland bedroht, um so schneller werden wir uns von fossilen Brennstoffen verabschieden."

Jischa verweist darauf, dass unsere Region mit der Gründung des niedersächsischen Energieforschungszentrums in Goslar bereits einen zukunftsweisenden Weg eingeschlagen habe.

Allerdings handelt es sich bei diesen Modellen lediglich um langfristige Lösungswege, darauf weist Gunnar Bärwaldt (29) vom Institut für Hochspannungstechnik und Elektrische Energieanlagen der TU Braunschweig hin: "Man sollte jetzt den Menschen nicht auf Grund der aktuellen Bedrohung empfehlen, überhastet ihre Gasthermen wegzuwerfen – ich bin sicher, dass wir auch noch in 50 Jahren Gas bekommen."

Fragt sich nur, zu welchem Preis. Daher hält es Bärwaldt wie schon Jischa für extrem wichtig, sich möglichst schnell Alternativen zu erschließen. Neben dem Ausbau der regenerativen Energien mache auch die bereits in großen Anlagen praktizierte Gasverflüssigung Hoffnung, so Bärwaldt: "Das Gas wird dann wie Öl in Tankschiffen zu den Kunden gebracht – damit kann die Abhängigkeit von Russland reduziert werden, weil wir nicht mehr an die Pipelines gebunden sind."

Der Gas-Transport mit Tankschiffen ist natürlich teurer als der über Pipelines – gerade bei sehr hohen Gaspreisen könnte er sich aber lohnen und zur Alternative werden. "Dadurch werden andere Erdgas-Förderer für Deutschland interessant", erläutert Bärwaldt: "In Iran und Katar erwarten die Experten ähnlich viel sicher gewinnbares Gas wie in Russland." Die sogenannte "statische Reichweite" belaufe sich dort sogar auf über 200 Jahre, die Russlands auf nur 70 Jahre.

Deutschlands Angst

Doch auch bei diesen Förderländern können einmal politische Krisen für Beunruhigung in Deutschland sorgen, ruft der Arbeitsgruppenleiter Gunnar Bärwaldt in Erinnerung: "Das hatten wir ja auch schon, als aus dem Irak kein Erdöl mehr floss. Spannungen in den Förderländern werden in Deutschland immer wieder dafür sorgen, dass wir Angst davor haben, im Dunklen und Kalten zu sitzen."

Vor dieser Angst ist Deutschland nur gefeit, wenn es gelingt, Energie aus vielen unterschiedlichen Ländern und aus verschiedenen erneuerbaren Quellen zu beziehen. Für den Hausgebrauch zählt Bärwaldt beispielhaft Sonnenkollektoren, Erdwärme sowie Biogas- oder Holz-Pellet-Verbrennung auf. Am meisten würden natürlich Sparmaßnahmen wie Wärmedämmung bringen.

So viele Vorteile haben die alternativen Energiekonzepte, aber Bärwaldt gesteht auch einen Nachteil ein: "Die Investition in regenerative Energiequellen zahlt sich leider nicht sofort aus – bei Gas rufe ich einfach beim Broker in Moskau an und dann fließt es." Zumindest so lange es noch fließt.

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Veröffentlicht: 31.08.2008 - 22:50 Uhr
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