Das Leben ist nicht nur eine Fete

Lilo Wanders macht sich für die Aids-Prävention stark – Auftritt Samstag nach der CSD-Parade in Braunschweig

Lilo Wanders (Dritte von links) hält Hof auf dem Sofa ihrer Garderobe in der Brunsviga: Dirk R. Loeben, Uli Seidel und Annette Johannes (von links) stellten die Fragen.    

Foto: s: Rudolf Flentje

Lilo Wanders (Dritte von links) hält Hof auf dem Sofa ihrer Garderobe in der Brunsviga: Dirk R. Loeben, Uli Seidel und Annette Johannes (von links) stellten die Fragen.     Foto: s: Rudolf Flentje

Annette Johannes: Wie kann man bloß so perfekt auf diesen hochhackigen Schuhen gehen, und dann noch als Mann?

Üben, üben, üben. Ich kann damit sogar Lkw fahren. Leider merke ich auch schon die negativen Folgen: Das geht auf die Hüftgelenke.

Dirk R. Loeben: Als Sex-Talkerin in der Vox-Serie sind Sie einem Millionenpublikum bekannt. Wie schnell verblasst solche Bekanntheit? Mit Ihrem Marlene-Dietrich-Programm "Der graue Engel" oder jetzt als Evelyn Künneke erreichen Sie nicht solche Massen.

Ich werde jetzt noch manchmal von Leuten angesprochen, die mir verstohlen zuflüstern, "Ich sehe Sie jede Woche", dabei gibt es "Wa(h)re Liebe" schon zwei Jahre nicht mehr. Diese Popularität sitzt also schon sehr fest. Aber andererseits hat neulich der Sohn einer Bekannten ein Autogramm von mir geholt und konnte damit bei seinen Mitschülern gar nicht landen: Die kannten mich alle nicht.

Es sind die heute 20-Jährigen, die das damals heimlich geguckt haben, und natürlich Ältere. Wenn ich jetzt als Evelyn Künneke auf Tournee bin, reizt das eben auch eher nur die, für die auch die Künneke noch ein Begriff ist. Und der Titel "Die Mythomanin" war ganz gewiss ein Fehler von mir, das klingt viel zu geschraubt. Dabei soll die Künneke ja bloß ein Beispiel für jemanden sein, der sein Leben aus Einsamkeit und Unsicherheit selbst erfindet.

"Der graue Engel" war noch richtig Kunst, jetzt muss ich wieder mehr Mainstream gehen. Mein neues Programm soll "Sex ist mein Hobby" heißen, da werfe ich natürlich mit sämtlichen Speckseiten. Aber das ist bloß das Lockmittel, und ich werde darin auch über ganz andere Themen sprechen.

Uli Seidel: Die Schwulenparaden stehen in diesem Jahr unter dem Motto "Offensichtlich anders". Aber das scheint auch in der Szene immer nur für die Schönen und Gesunden zu gelten. Von Homosexualität unter psychisch Kranken oder Geistigbehinderten will da auch keiner was wissen.

Ich komme gerade vom CSD in Toronto, da waren sehr viele Rollstuhlfahrer dabei, und auch die nicht Fitnessgestählten zogen ihr Hemd aus. Das war da viel lockerer und nicht so gestylt wie bei unseren Umzügen. Bei uns gibt es offen schwule Taubstummengruppen, mehr kenne ich auch nicht. Ich hielte Beziehungen zu Geistigbehinderten oder psychisch Kranken aber auch für hochproblematisch, selbst wenn man spürt, dass sie homosexuell sind. Wenn sich einer darauf einlässt, würde ich sehr genau nach den Motiven fragen. Denn es besteht natürlich die Gefahr eines Abhängigkeitsverhältnisses. Und andererseits ist es für den Nichtbehinderten eine enorme Belastung und Verantwortung.

Annette Johannes: Ich finde die Aids-Aufklärung in den Schulen immer noch ungenügend. Darum nehme ich meine Kinder immer zu den Veranstaltungen der Aids-Hilfe mit, damit sie Bescheid wissen und ihnen der Umgang mit den Kranken vertraut ist.

Das finde ich sehr gut. Natürlich ist das Thema für die pubertierenden Jugendlichen schwierig. Das ist doch gruselig: Die ganzen verwirrenden Gefühle und dann sollst du auch noch ständig an das Gummi denken. Verliebtheit ist doch eigentlich erstmal so romantisch, aber es führt kein Weg an der Aufklärung vorbei. Ich glaube auch, dass es trotz all des Sex-Geredes überall für die jungen Leute immer noch genauso schwer ist, seine Gefühle zu erkennen und sich zurechtzufinden.

Und zu Liebe gehört natürlich auch Vertrauen. Aber da würde ich immer raten, gemeinsam einen Aids-Test zu machen, bevor man das Gummi weglässt. Und leider wissen wir, dass man sich auch auf die Treue nicht immer verlassen kann.

Loeben: Das Lebenspartnerschaftsgesetz für Homosexuelle ist mit erheblichen Abstrichen durchgesetzt worden. Aber man hat den Eindruck, dass es nur oberflächlich geschehen ist, dass diese Beziehungen nicht wirklich akzeptiert werden.

Das Lebenspartnerschaftsgesetz ist eine Beleidigung – eine Beleidigung der Gefühle all derer, die bewusst in anderen als ehelichen Formen leben wollen. Jedes Gefühl ist gleichwertig.

An solchen Beispielen sieht man, dass die Homosexualität in der Wahrnehmung vieler Menschen völlig entsexualisiert ist. Dabei haben Homosexuelle eben durch ihre anderen Formen von Zusammenleben, Beziehung, gelebter Sexualität auch eine andere Sicht auf die Gesellschaft.

Richtig normal wäre eben, wenn jeder nach seiner Fasson lebt, und das keinen interessiert. Man fragt ja jetzt auch immer, ob es einen schwulen Bundespräsidenten geben sollte. Es dürfte aber gar kein Thema sein, ob einer schwul ist oder nicht, wenn er sich sonst als Bundespräsident eignet. Erst wenn das in der Bild-Zeitung keine Schlagzeile mehr wäre, hätten wir endlich Normalität erreicht. Ich hole mir doch auch nicht den schwulen Klempner oder Friseur, sondern einen guten Klemper oder Friseur, und der kann schwul sein oder nicht. Aber ich verkenne natürlich nicht, dass prominente Schwule wichtige Vorbilder sein können für andere Schwule, sich auch zu bekennen. Und für Heteros, sie als gleichwertige Partner im öffentlichen Leben zu akzeptieren.

Loeben: Wie kamen Sie zu "Wa(h)re Liebe", und warum war dann Schluss?

Das war natürlich ein Konkurrenzprojekt zu "Liebe Sünde". Da hat man schnell diese ganzen Sexfilmchen von einer BBC-Serie ins Deutsche übersetzt und brauchte einen Moderator. Als die andere absprang, wurde ich gefragt, ich wollte aber nicht, weil ich gerade Theater spielte. Am nächsten Tag hatten sie mich dann weich. Ich machte den Dreh, ohne es meinem Regisseur zu sagen. So ging das los.

Heute ist das Sex-Thema im Fernsehen durch. Mit solchen Sendungen ist kein Geld mehr zu machen, weil sie keine Werbeblöcke mehr dafür kriegen. Denn die ganze Werbung ist sowieso schon völlig sexualisiert. Ich finde, dass wir trotzdem mit dieser Reihe etwas erreicht haben. Die Akzeptanz für das Plaisirliche hat zugenommen. Das meiste war Porno, aber ich konnte auch subversiv sein, das ging in der Reihe. Aber natürlich habe ich jetzt den Stempel weg und kriege im Fernsehen auch nichts anderes mehr.

Loeben: Lilo Wanders in der Schmidt-Mitternachtsshow war eine Diva, im Marlene-Programm sind Sie es auch, mit der Künneke kommen Sie langsam ins Charakterfach...

Was bleibt mir übrig, ich werde älter. In "Cabaret" in Hamburg habe ich auch schon das ältliche Fräulein Schneider gespielt. Und in Mannheim war ich im selben Musical der Conférencier.

Loeben: Als Mann?

Ich spielte ihn als Mann, aber der schillert natürlich sowieso, und man hat damals auch auf mein Lilo-Wanders-Appeal gesetzt.

Seidel: Wie lange brauchen Sie, um sich in Lilo Wanders zu verwandeln, äußerlich – und mental?

Eine Stunde.

Loeben: Sie machen viele Benefiz-Auftritte für die Aids-Hilfen und Schwulenorganisationen. Auch beim Braunschweiger CSD nächsten Samstag ab 14 Uhr haben Sie einen Auftritt zugesagt. Wie schaffen Sie den Wechsel von den hohen Ansprüchen an sich selbst, etwa in Ihren Solo-Abenden, zu dem bunten Getümmel, das Sie dann bei Straßenfesten und Gay-Partys erwartet?

Ich gönne natürlich allen Leuten ihren Spaß, und Schwule verstehen eben auch das Leben zu feiern, das ist gut. Trotzdem meine ich, dass man bei den CSD-Feiern an die Ursprünge dieser Paraden erinnern muss, als es noch gefährlich war, zu seinen Neigungen zu stehen.

Wir müssen aus der Geschichte lernen, um heute unsere Erfolge bewusst genießen zu können, aber auch wachsam zu sein. Denken Sie nur an die antischwule Gewalt bei den CSDs in Warschau und Moskau. Ich hebe da also gern mal den moralischen Zeigefinger und sage, das Leben ist nicht nur eine einzige Fete. Und so nutze ich auch meinen Bekanntheitsgrad für die Aidshilfe, damit viele Leute zu deren Veranstaltungen kommen und spenden und sich die Wichtigkeit des Schutzes durch Kondome bewusst machen. Dafür akzeptiere ich dann auch die ausgelassene Feierlaune um mich rum, die privat eher nicht mein Ding ist.

Loeben: In der Show heißt es, sie kämen aus der Lüneburger Heide?

Ich bin jetzt wieder raus aufs Land gezogen. Ich bin in Hamburg sowieso nie ausgegangen. Irgendwann mit 20 stand ich mal nachts in der Kneipe und habe mich gefragt, was ich hier eigentlich mache. Seitdem habe ich es gelassen.

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