"Der Neonazi-Spuk muss ein Ende haben"

Eine Reportage aus dem Heideort Faßberg bei Celle, in dem Handlanger des Rechtsextremisten Jürgen Rieger ein Hotel besetzt haben

Am Ortseingang steht ein Hotel mit Reiterhof, Mädchen sitzen auf Ponys. Neben dem Hotel gibt es ein beheizbares Schwimmbad. An der Hauptstraße der 7000-Einwohner-Gemeinde Faßberg folgen Supermärkte, ein Fitnessstudio, ein paar Kneipen und die Grund-, Haupt- und Realschule. Auf dem Schulhof spielen Jungs Fußball. Nichts deutet daraufhin, dass Neonazis seit rund einer Woche ein verfallenes Landhotel in Beschlag genommen haben.

12 Uhr: Das Hotel liegt außerhalb Faßbergs in der Ortschaft Gerdehaus. Ein Schullandheim und Ferienhäuser stehen hier. Und neuerdings am Straßenrand zwei Einsatzwagen der Polizei, die in einer Entfernung von 50 Metern das Landhotel "Gerhus" einrahmen. Auf der anderen Straßenseite haben sich Menschen versammelt und halten Transparente. "Ick kann jar nicht so viel fressen wie ick kotzen möchte" steht auf einem. Dieses Zitat des Berliner Malers und Nazi-Gegners Max Liebermann aus dem Jahr 1933 drückt die Stimmung aus: Die Demonstranten sind angefressen.

"Nachdem die Nazis sich hier ganz ungeniert zeigen, wollten wir dem etwas entgegensetzen", sagt einer der Organisatoren. Die Mahnwache soll auf streng legaler Basis die Ablehnung ausdrücken, die viele Faßberger, speziell aber Anwohner aus der unmittelbaren Umgebung von Gerdehaus, empfinden: "Es ist eine Schande, nur 25 Kilometer vom KZ Bergen-Belsen entfernt."

Der Widerstand wird täglich größer. Das sagt Faßbergs Bürgermeister Hans-Werner Schlitte. Er gehört zu den 50 Demonstranten, die sich vor dem Hotel versammelt haben. "Gestern waren es 20 Menschen. Die Bewohner aus den umliegenden Orten kommen und beteiligen sich auch", so Schlitte.

Die Neonazis indes geben sich unbeeindruckt. Immer mal wieder kommen die Rechten aus dem Hotel. Sie tragen die für die Skinhead-Kultur üblichen Marken-Pullover, ihre Köpfe sind kahlgeschoren. Sie schauen vom Grundstück aus zu und gehen gelangweilt wieder ins Haus zurück.

Der stellvertretende NPD-Bundesvorsitzende Rieger hat die Neonazis vorgeschickt. Sie haben die Schlösser aufgebohrt und sich so Zutritt zum Haus verschafft. Eine schwarz-weiß-rote Reichsflagge ist bereits gehisst, zwischen zwei Fenstern hängt ein Transparent mit der Aufschrift "Nationaler Widerstand Celle".

13.15 Uhr: Die Faßberger haben die Neonazis satt. "Jeder will, dass sie so schnell wie möglich verschwinden", sagt Friedrich-Wilhelm Marsitzky. Der Lehrer sitzt in seinem Wohnzimmer. Er unterrichtet Geschichte an der Faßberger Schule und holt Zeitungsartikel hervor. Bereits im vergangenen Herbst wollte der Rechtsextremist und Hamburger Anwalt Jürgen Rieger das Hotel nach mehreren gescheiterten Immobiliengeschäften kaufen, um im Landkreis Celle ein Schulungszentrum für Neonazis zu schaffen.

Damals gründeten Faßberger die Bürgerinitiative "Faßberg muckt gegen Rechts". Lehrer Marsitzky und seine Schüler malten Plakate und starteten eine Unterschriftenaktion, mit der sie eindeutig Stellung bezogen. Der erneute Vorstoß von Rieger erwischte die Faßberger kalt.

Der Nazi-Anwalt verfügt angeblich über ein beachtliches Vermögen und streckt seine Fühler immer wieder nach Immobilien aus. In Delmenhorst und Dörverden ging er nach langem Hickhack leer aus. Auch in unserer Region, in Wolfsburg, agiert der Anwalt, der laut Verfassungsschutz ein "unverbesserlicher Rassist" ist und bereits wegen Volksverhetzung verurteilt wurde. Hier provoziert er die Bürger mit Plänen für ein Museum, das an die Nazi-Organisation "Kraft durch Freude" erinnern soll.

Angst hat Lehrer Marsitzky nicht, sagt er. "Obwohl ich von ehemaligen unverbesserlichen Schülern schon mal angemacht wurde, warum ich so viel ,multikulturellen Scheiß’ verbreite". Marsitzky will sich aber nicht einschüchtern lassen.

Das Landgericht Lüneburg befasst sich am Freitag mit dem besetzten Hotel. Ein langer Rechtsstreit droht. Auf der einen Seite steht Rieger, der behauptet, er habe einen gültigen Pachtvertrag für die Immobilie. Auf der anderen Seite gibt es einen Zwangsverwalter für das Hotel, das ursprünglich versteigert werden sollte – und Zwangsverwalter Jens Wilhelm hält die Besetzung des Gebäudes für illegal.

"Falls das Gericht Rieger zustimmt, kann ich mir vorstellen, dass ganz Faßberg mobil macht", sagt Marsitzky. Sportvereine, die Feuerwehr und der Ortsjugendring stünden bereits Gewehr bei Fuß.

14 Uhr: Eine groß angelegte Demonstration will Bürgermeister Schlitte jedoch verhindern. "Allein mit Protesten werden wir Rieger nicht vergraulen", sagt Schlitte. Der Parteilose sitzt kerzengerade und mit wachem Blick in seinem ledernen Stuhl in seinem Büro im Rathaus und befürchtet, dass eine angemeldete Demonstration Linksradikale und Rechtsradikale anziehen könnte und die sich gegenseitig bekämpfen – mitten in Faßberg.

"Wir nutzen aber jede Möglichkeit, damit der braune Mob verschwindet", so der Bürgermeister. Wie er hofft die gesamte Gemeinde auf das Landgericht Lüneburg.

Bedenken hat Schlitte, dass Riegers hoffentlich erneutes kurzes Gastspiel nicht dauerhaft auf die Außenwirkung Faßbergs abfärbt. Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Der Bürgermeister: "Faßberg ist kein brauner Fleck. Die NPD bekommt bei Wahlen 1,5 Prozent, nicht mehr."

Viel lieber verweist Schlitte auf die Anwohner. "Ich bewundere ihren Mut." Der Bürgermeister hofft, dass die Rechtsradikalen nicht zur Dauerbelastung werden. "Der Neonazi-Spuk muss ein Ende haben."

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