Angela Merkel in Braunschweig: Es wird keine Große Koalition geben
2009-09-20T23:15:00+0200Bundeskanzlerin redet vor rund 2000 Menschen auf dem Braunschweiger Burgplatz – Leiser Protest regt sich
Bei ihrem Wahlkampfauftritt in Braunschweig macht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) keine konkreten Angaben, was sie nach der Wahl machen will. Doch in einem Punkt wird sie überraschend deutlich: "Es wird keine Große Koalition mehr geben."
Über die Absage an eine Regierungsbildung mit der SPD freuen sich applaudierende Zuschauer sowie der Braunschweiger CDU-Direktkandidat Carsten Müller: "Ich bin dankbar, dass Angela Merkel diese außerordentlich deutlichen Worte gerade in Braunschweig gefunden hat."
Der Burgplatz ist am Samstag nicht komplett mit Zuschauern gefüllt, rund 2000 Menschen sind gekommen. Wie schon bei ihrer Berliner Pressekonferenz einen Tag zuvor, versucht Merkel Gelassenheit auszustrahlen. Im Moderatorengespräch vor der Rede erzählt sie davon, wie ihr ein Bürger im Supermarkt den Tipp gibt, die Artischocken frisch statt in der Büchse zu kaufen. "Dem musste ich erklären, dass ich keine Zeit habe, die selbst zu kochen."
Noch unter dem Eindruck ihres Besuchs der "Internationalen Automobil-Ausstellung" betont Merkel, dass Elektroautos eine große Zukunft haben. Die Kanzlerin, die in einer Staatskarosse zum Burgplatz chauffiert wurde, steht eigentlich nicht auf große Autos. "Wenn ich selbst fahre, dann muss der ein bisschen kleiner sein – wegen des Einparkens." Zur Freude des Publikums sagt sie: "Ich bin genügsam, ich fahre gerne Golf."
Doch dann wird es ernst, Merkel tritt ans Rednerpult. Nun gucken auch die Zuschauer zur Bühne, die sich eben noch an den CDU-Ständen mit schwarz-rot-goldenen Drachen und Brillenputztüchern "Für klare Verhältnisse" ausstaffiert haben.
Die von der Septembersonne perfekt ins rechte Licht gerückte Parteivorsitzende wagt sich gleich zu Beginn in den Spagat: Die vier Regierungsjahre mit der SPD seien erfolgreich gewesen, die Große Koalition habe bis 2008 die Arbeitslosigkeit erfolgreich gesenkt und dann auf die Finanzkrise richtig reagiert. Aber nun gehe es eben mit der ständig nach den Linken schielenden SPD nicht mehr: "Man kann sich auf die Sozialdemokraten im Moment nicht verlassen." Damit Deutschland gestärkt aus der Krise geht, gibt es für Merkel nur noch einen Weg: "Klare Verhältnisse kriegen Sie nur, wenn Sie eine starke Union in der Regierung haben und wenn die mit der FDP gebildet wird."
Circa 50 Andersgesinnte wollen das nicht hören. Sie halten Plakate mit der Aufschrift "Schwarzgelb verstrahlt" in die Luft. "Ich will meiner zwei Monate alten Tochter nicht den millionen Jahre strahlenden Atommüll überlassen", sagt die 22-jährige Julia Scheibenhenne. Sie und ihr Freund haben den Säugling dabei.
Von der Aktion, die die Teilnehmer spontan über das Internet organisiert haben, lässt sich die Kanzlerin nicht beirren. Der Protest verpufft. Wenigstens hat Merkel auch ein paar Sätze parat, die den Demonstranten gefallen dürften: Sie ärgert sich über die Gier und Zockerei der Spekulanten und verspricht: "Ich werde mich mit voller Kraft für klare Regeln einsetzen."
Und was bleibt sonst noch hängen von dieser halbstündigen Rede? Merkel kündigt steuerliche Entlastungen an, weil nur die Wachstum schaffen und weil nur durch Wachstum Arbeitsplätze entstehen. "Die Arbeitnehmer sind die, die den Karren aus dem Dreck ziehen – und die brauchen doch Motivation!"
Wer arbeitet, der müsse mehr in der Tasche haben als der, der nicht arbeite. Wie diese Entlastungen aussehen sollen, das sagt Merkel nicht.
Hängen bleiben markante Sätze, mit denen sie die Menschen packen will. Die Kanzlerin setzt im Endspurt alles auf die Karte schwarz-gelb und sagt als Hommage an FDP-Chef Guido Westerwelle dessen Slogan auf: "Deshalb sagen wir mehr Netto vom Brutto, denn Arbeit muss sich lohnen."
Und sie greift den legendären Slogan "keine Experimente" auf, mit dem die CDU Konrad Adenauers vor 52 Jahren eine absolute Mehrheit einfuhr: "Der Weg muss fortgesetzt werden, und der verträgt keine Experimente!"
Es gibt freundlichen Applaus für die Kanzlerin, doch Begeisterung sieht anders aus. Merkel bittet noch um Erststimmen für Carsten Müller und um Zweitstimmen für sich selbst: "Damit ich Bundeskanzlerin bleiben kann für unser schönes Vaterland." Die Nationalhymne erklingt und dann Merkels Lieblingslied von den Rolling Stones: "Angie". Ganz am Ende heißt es da: "Angie, they can’t say we never tried" – sie können nicht behaupten, dass wir es nicht versucht haben.


